Töpfchenangebote in der Krippe? Die Vorteile einer aktiven Sauberkeitserziehung

Montessori-Kindergärten auf der ganzen Welt beginnen die Krippenkinder mit ca. 12 Monaten windelfrei an das Töpfchen heranzuführen. Mit großem Erfolg! Mit eineinhalb Jahren sind viele Kinder weitestgehend trocken und benutzen die Mini-Toiletten selbstständig.

So funktioniert die Begleitung beim Trockenwerden in manchen Montessori-Kinderhäusern:

  1. Wenn die Kinder sicher laufen können, gehen sie in die Montessori-Kleinkindgruppe. Das ist mit 12 bis 14 Monaten der Fall.
  2. Die Kinder kommen morgens in die Kita und verabschieden sich von ihren Eltern. Mithilfe einer Erzieherin ziehen sie ihre Windeln aus und ein Trainerhöschen, Socken und Hausschuhe an. Die Erfahrung zeigt, dass es für Töpfchenanfänger und -anfängerinnen schwierig ist, auf der Toilette eine Hose und eine Unterhose auszuziehen. Nur eines von beiden zu tragen, erleichtert ihnen den Toilettengang deutlich.
  3. Die Erzieherinnen merken morgens, ca. eineinhalb Stunden nach dem Ankommen, dass die Gruppe unruhig wird, und erinnern die Kinder nach und nach einzeln daran, die Toilette zu benutzen. Die Kinder können das Toiletten-Angebot aber auch ablehnen.
  4. Wenn es Zeit für die Toilette ist, setzen sich die Kinder auf eine kleine Bank und helfen mit beim Ausziehen der Schuhe und der Trainerhosen. Danach setzen sie sich auf die kleinen Kinder-Toiletten und bleiben so lange sitzen, wie sie möchten. Danach ziehen sie trockene, saubere Unterhosen an, waschen ihre Hände und gehen wieder in den Spiel- und Arbeitsbereich.
  5. Das Toiletten-Angebot wird nicht nur morgens, sondern mehrmals täglich unterbreitet (siehe Standard- und Familiensituationen). Weitere Beispiele:
    1. „Es ist Zeit fürs Mittagessen. Wir gehen auf die Toilette, machen Pipi, waschen uns die Hände und dann können wir essen.“
    2. „Wir machen einen Mittagsschlaf. Wir gehen auf die Toilette, machen Pipi, waschen uns die Hände und dann lese ich eine Geschichte vor.“
  6. Nach und nach haben die Kinder mehr Erfolg und bleiben immer länger trocken. Nach einiger Zeit kündigen die Erzieherinnen die Toilettenzeit an, das Kind überprüft seine eigene Körperwahrnehmung und geht zur Toilette oder nicht.
  7. Schließlich erreichen die Kinder eine Phase, in welcher sie ihren Körper bewusst wahrnehmen, sodass sie keine Erinnerung mehr brauchen. Dann gehen sie nur noch, wenn sie Harndrang oder Stuhlgang verspüren.
  8. Die Kinder lernen mit diesem Vorgehen „ganz nebenbei“ die kleinen Kindertoiletten zu benutzen und sind zwischen 14 und 18 Monaten trocken.

Mithilfe der Unterhosen spüren die Kinder nicht nur, was es bedeutet, wenn es sich unten im Bauch so komisch anfühlt: Die Blase ist voll. Sie spüren auch, was passiert, wenn man „loslässt“: Die Kleidung wird nass. Dieses unangenehme Gefühl wollen die Kinder nach einigen Monaten vermeiden.

Montessori-Kinderhäuser und andere Kindereinrichtungen in den USA und Europa zeigen, dass das oben genannte Vorgehen auch mit normalen Windeln hilfreich ist und das Trockenwerden unterstützt. Der Zeitpunkt des Trockenwerdens wird dadurch allerdings um einige Monate nach hinten verschoben: die meisten Kinder sind einige Monate nach dem zweiten Geburtstag tagsüber komplett windelfrei und trocken. Gleichzeitig haben die Töpfchenangebote gesundheitliche Vorteile, die du hier nachlesen kannst.

In diesem Blogbeitrag kannst du erfahren, wie Windeln und Töpfchen in der Krippe kombiniert werden können. Am Ende des Artikels findest du Tipps, wie du die Sauberkeitserziehung deines Kindes unterstützen und vielleicht auch deine Kita überzeugen kannst, deiner Familie dabei unter die Arme zu greifen.

Töpfchenangebote in der Krippe und im Kindergarten

Töpfchenangebote in der Kinderkrippe

Ich selbst habe nach 2010 einige Jahre in der Krippe als Erzieherin gearbeitet. Es war unter allen Kollegen auch innerhalb anderer Einrichtungen des Trägers üblich, den Kindern bereits in der kleinsten Gruppe (in der Regel ab 12 Monaten) mehrmals täglich die Benutzung des Töpfchens anzubieten.

Ich bin überzeugt, dass man kein Kind zwingen kann sauber zu werden, aber dass eine gewisse Routine und eine freundliche, ermutigende Atmosphäre dazu beitragen, Kinder auf ihrem Weg zur Windelfreiheit zu unterstützen.“

Nora, die mir diese E-Mail geschrieben hat, kommt aus Leipzig. Was für viele pädagogische Fachkräfte und Eltern im Osten selbstverständlich ist, gilt in den alten Bundesländern keinesfalls als Standard.

Julia: Wann habt ihr in deiner Zeit als Erzieherin in Leipzig das Töpfchen angeboten?

Nora: In meiner Gruppe boten wir das Töpfchen morgens nach dem Frühstücken, vor dem Mittagsschlaf und nach dem Mittagsschlaf sowie bei Bedarf an, also wenn ein Kind gezeigt hat, dass es aufs Töpfchen oder die kleine Toilette gehen möchte. Kinder, die gerade sauber wurden, erinnerten wir regelmäßig daran, aufs Töpfchen zu gehen, und begleiteten sie dorthin.

Julia: Wie haben die Kinder darauf reagiert? Wie schafft man es, dass die Kleinen kurz sitzen bleiben?

Nora: In Gemeinschaftseinrichtungen herrscht eine vollkommen andere Dynamik als mit nur einem Kind daheim. Gemeinsam auf dem Töpfchen zu sitzen ist für die Kinder häufig ohnehin interessant. Zusätzlich habe ich versucht, die Zeit für Fingerspiele, Lieder und Reime zu nutzen. Das Töpfchen war für die Kinder ein Ankerpunkt im Tageslauf und die meisten wirkten recht einverstanden mit dieser Praxis.

Selten gab es Kinder, die so gut wie nie sitzen bleiben wollten – vielleicht weil das freie Spiel im Garten oder Gruppenraum reizvoller schien oder der Weg zur Sauberkeit einfach aktuell nicht auf ihrem Programm stand? Wir ließen die Kinder dann gehen, boten es beim nächsten Mal einfach wieder an. Irgendwann waren trotzdem auch diese Kinder trocken.

Julia: Wie habt ihr mit den Eltern zusammengearbeitet?

Nora: Die Eltern der Kinder wurden immer ermutigt, ihren Kindern zu Hause ebenfalls das Töpfchen oder die Toilette anzubieten. Erste Erfolge in der Einrichtung motivierten dann auch die meisten Eltern mitzuziehen.

Trockenwerden nach dem zweiten Geburtstag

Julia: Wann konnten die Kleinen in der Regel auf Windeln verzichten?

Nora: Die meisten Kinder brauchten irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag keine Windel mehr. Sehr wenige Kinder brauchten beim Übertritt in den Kindergarten noch eine Windel. Das bedeutete für die jeweilige Erzieherin dann einen Mehraufwand, da in den Kindergartengruppen kein Wickelplatz zur Verfügung stand. Auch das war aber lösbar, denn es stellte die Ausnahme dar. Beim eher schlechten Betreuungsschlüssel in Leipziger Kindertagesstätten wäre es mit vielen windeltragenden Kindergartenkindern problematisch geworden.

Vorteile von Töpfchen in den Kitas

Julia: Ich habe schon oft mitbekommen, dass Erzieher und Erzieherinnen in West-Kitas sagen: „Wir hatten noch nie ein Kind, das unter drei Jahren trocken und sauber war.“ Oft wird dort auch ganz auf Töpfchen verzichtet, da sie als unhygienisch und unnötiger Arbeitsaufwand gelten. Warum gibt es im Osten trotzdem Töpfchen in der Kita?

Nora: Ich denke, dass Töpfchen genutzt werden, weil das hier seit jeher so gehandhabt wurde und der Erfolg kein Umdenken nötig macht.

  • Töpfchen sind günstig.
  • Kleinkinder haben manchmal vor einer Toilette mit Wasserspülung Angst.
  • Mehrere Krippenkinder können gleichzeitig auf dem Töpfchen sitzen, was sehr motivierend auf sie wirkt. Die Erzieherin kann alle Kinder im Auge behalten.

Die Kinder gehen freiwillig aufs Töpfchen, es ist ein Angebot. Wenn die pädagogische Fachkraft achtsam auf die Signale der Kinder eingeht und ein Aufstehen als „Nein“ versteht und akzeptiert, sehe ich keinerlei Nachteile für die Kleinsten. Natürlich kann versucht werden, die Töpfchenzeit möglichst angenehm und interessant zu gestalten und die Kinder so zum Sitzenbleiben zu motivieren.

Außerdem müssen hygienische Vorschriften beachtet werden. Wir haben die Töpfe in der Windelspüle entleert, ausgespült und anschließend mit Desinfektionstüchern gereinigt. Das ist sicher aufwendig, auf lange Sicht finde ich persönlich aber windelfreie Kinder im Arbeitsalltag entspannter als das ständige Wickeln. Auch wenn ich die Momente der 1:1-Betreuung während des Wickelns immer sehr mochte.

Sollten Kinder die Toilette von allein aufsuchen?

Julia: Manche Kitas in den westlichen Bundesländern vertreten die Einstellung, dass die Kinder das Sauberwerden komplett allein vorantreiben sollen. Sie begleiten die Kinder zum Beispiel nicht auf die Toilette, sondern sind der Überzeugung, dass die Kinder allein gehen – wenn sie so weit sind und das auch von sich aus möchten. Wie siehst du das?

Nora: Ich kann die Argumentation, dass das Interesse am Töpfchen von den Kindern ausgehen muss, nachvollziehen und teile die Einstellung, dass man keinen unmittelbaren Einfluss auf den zugrunde liegenden Reifungsprozess nehmen kann. Ich bin auch überzeugt, dass Erwartungshaltung und Druck unter Umständen sogar Schaden anrichten oder den Prozess des Sauberwerdens verzögern können.

Gerade deshalb ist es elementar (wie in allen Bereichen), dass die Eltern und Fachkräfte die Kinder liebevoll, respektvoll und achtsam begleiten. Sollten Erzieher und Erzieherinnen genervt sein von dem Thema oder gar ein Machtgefälle leben, ist es vielleicht ratsamer, die Initiative beim Kind zu lassen. Irgendwann werden alle gesunden Kinder keine Windeln mehr brauchen.

Unterschiede bei der Sauberkeitserziehung in den alten und neuen Bundesländern

Julia: Wie beurteilst du die komplett verschiedenen Herangehensweisen in Ost und West?

Nach aktuellem Stand der Wissenschaft würde ich allerdings für das Modell der frühen Heranführung an das Töpfchen beziehungsweise die Ausscheidungskommunikation von Geburt an plädieren.

Nora: Dass Sauberkeitserziehung innerhalb Deutschlands so unterschiedlich angegangen wird, ist der unterschiedlichen Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs zuzuschreiben und keiner Wertung zu unterziehen. Ich denke schon, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte in Ost wie West das Beste für die Kinder wollen und auf das zurückgreifen, was sich in ihren Augen bewährt hat.

Nach aktuellem Stand der Wissenschaft würde ich allerdings für das Modell der frühen Heranführung an das Töpfchen beziehungsweise die Ausscheidungskommunikation von Geburt an plädieren.

Mir ist auch noch einmal wichtig zu betonen, dass ich mich nur auf meine eigenen Erfahrungen mit meinen drei Kindern und die Erfahrung aus meiner früheren Arbeit in einer Krippengruppe stützen kann. Ich habe es immer so gehandhabt und kann deshalb nur wenig über die gängige Krippen-Praxis im Westen sagen. Trotzdem kenne ich im Osten nur wenige Kinder im Alter über drei Jahren, die noch Windeln tragen. Gleichzeitig schreibst du, dass in vielen Kitas in Baden-Württemberg erst ab drei Jahren überhaupt mit der Sauberkeitserziehung begonnen wird.

Julia: Meinst du abschließend, dass die Kinder grundsätzlich schneller sauber werden würden, wenn sie auch in den westdeutschen Ländern mehr Raum dafür bekämen?

Nora: Ich fürchte mich immer vor so absoluten Aussagen und denke, es ist wie immer im Leben eine individuelle Sache. Das eine Kind ist schon zeitig empfänglich für das Töpfchen, ein anderes hat gerade andere Themen. Aber irgendwoher müssen die regionalen Unterschiede doch kommen, oder?

Aber irgendwoher müssen die regionalen Unterschiede doch kommen, oder?

Hintergrundwissen über Teilzeit-Windelfrei

(unten geht es weiter mit dem Blogartikel)​

Die Kita überzeugen, die Sauberkeitserziehung zu unterstützen

Julia: Wie können Eltern pädagogische Fachkräfte überzeugen, ihr Kind mit zwei Jahren beim Trockenwerden zu unterstützen, obwohl das Thema normalerweise erst in den Ü3-Gruppen angegangen wird?

Nora: Bei der Überlegung, wie die Erzieher und Erzieherinnen in Kitas umgestimmt werden können, bereits ab zwei Jahren (oder noch eher) mit dem Töpfchen zu beginnen, kann ich nur bedingt Ratschläge geben.

Ich persönlich schätze es, wenn Eltern partizipieren, weiß allerdings auch, dass das einige Kollegen und Kolleginnen anders sehen. Pädagogische Fachkräfte müssen zahlreichen Erwartungshaltungen gerecht werden und so entwickelt sich häufig eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber Änderungswünschen von außen.

  1. Ich würde erst einmal respektvoll und offen das Gespräch mit der Erzieherin suchen, meine Ideen formulieren und die Fachkraft nach ihren Erfahrungen fragen. Vielleicht können in so einem Gespräch bereits erste Barrieren abgebaut werden.
  2. Hilfreich ist es sicher auch, wenn die Eltern zu Hause das Töpfchen anbieten und nicht erwarten, dass alles in der Einrichtung erledigt wird. Wenn Eltern freudig berichten, wie interessiert ihr Kind am Töpfchen ist oder dass vielleicht sogar schon der ein oder andere Erfolg eingetreten ist, wird es leichter sein, die Erzieherinnen mit ins Boot zu holen.
  3. Auch einschlägige Artikel aus Zeitschriften und Blogs oder Textpassagen aus Büchern zum Thema könnten in späteren Gesprächen hilfreich sein.
  4. Sollte kein Weg zu einem offenen Austausch führen und kein Kompromiss in Sicht sein, können sich die Eltern einzeln oder besser noch in einer Interessengemeinschaft erst an die Einrichtungsleitung, dann an den Elternrat oder zuletzt auch an den Träger wenden und ihr Anliegen vortragen.

Julia: Vielen Dank für deine Tipps und dass du deine Erfahrungen hier geteilt hast!

Gründe für die späte Unterstützung der Sauberkeitsentwicklung in den alten Bundesländern

Im Anschluss an das interessante Gespräch kann ich Nora nur zustimmen. Es spricht alles dafür, dass die großen regionalen Unterschiede zwischen Ost und West historisch und strukturell bedingt sind. Dabei gilt es vor allem zu bedenken, dass der Osten seit dem Zweiten Weltkrieg eine viel stärkere Tradition und Verbreitung von Kinderkrippen hat.

„Bis in die Zeit der Weimarer Republik galten Kinderkrippen vor allem als Einrichtung der Fürsorge für Säuglinge , deren Mütter mittellos oder aber erziehungsunfähig waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben Kinderkrippen in Westdeutschland ein Randphänomen, während in der DDR ein großer Anteil der Kinder eine Krippe besuchte.“

Seite „Kinderkrippe“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kinderkrippe&oldid=188149151 (Abgerufen: 10. Mai 2019)

In vielen Kleinstädten und Dörfern im Westen von Deutschland gibt es hingegen auch heute noch keine Kinderkrippen. Kindertagesstätten dort sind oft nur halbtags geöffnet, Ganztagesplätze rar.

Dadurch bekommen viele Themen eine andere Gewichtung. Wenn ein Kind vormittags nicht nur drei Stunden zum Spielen vorbeikommt, sondern den Großteil des Tages dort verbringt, müssen viel mehr Themen durch die Fachkräfte abgedeckt werden: gesunde Ernährung, Hygiene, Hände waschen, Zähne putzen, Sauberkeitserziehung. Diese wichtigen Erziehungsbereiche werden bei einer reinen Vormittagsgruppe ohne gemeinsames Mittagessen ja von den Eltern behandelt.

Das Erreichen der willkürlichen Blasenkontrolle beruht auf endogenen biologischen Reifungsvorgängen, die – in einem gewissen Rahmen – durch begleitende Erziehungsmaßnahmen im Ablauf beeinflussbar sind. Nach Ausreifen der neurophysiologischen Voraussetzungen lernt das Kind, durch Modell und Nachahmung, aber auch durch Anleitung, die für den jeweiligen Kulturkreis üblichen Toilettengewohnheiten.

Haug-Schnabel, Gabriele (2011): Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitserziehung. Verfügbar
unter: https://www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/physiologische-und-psychologische-aspekte-der-sauberkeitsentwicklung. Zugriff am 09.05.2019.

Natürlich sind in den letzten Jahren – auch bedingt durch die rechtliche Zusicherung auf einen Betreuungsplatz – gerade im Westen viele neue Kinderkrippen entstanden. Vielerorts nehmen Kindergärten auch seit einiger Zeit Kinder ab zwei Jahren auf, also oft noch nicht windelfreie Kinder. Diese Entwicklung ist jedoch noch jung, sodass sich neue Strukturen und Schwerpunkte in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sowie im pädagogischen Alltag erst noch finden müssen. Hier fehlt schlichtweg noch ein wenig Erfahrung mit dem Thema Sauberkeitserziehung, da die Kinder bis vor Kurzem ja schon trocken in den Kindergarten kamen.

Ein weiteres Problem ist der Fachkräftemangel. Durch eine allzu dünne Personaldecke werden notgedrungen immer nur die dringendsten Programmpunkte abgehakt. Um wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskutieren und verschiedene Ansätze auszuprobieren, fehlt es oft an Zeit und Muße. Entsprechend umgehen Krippen immer wieder das schwierige Thema „Toilette“ und hoffen, dass sich die Erzieher und Erzieherinnen in den Ü3-Gruppen diesem Thema annehmen. Gerade dort lässt aber der Betreuungsschlüssel noch weniger Zeit für eine achtsame Begleitung. In vielen Einrichtungen wird deshalb erwartet, dass die Kinder alle notwendigen Fertigkeiten mit der Zeit voneinander abschauen. Da Kinder über drei Jahren ein größeres Schamgefühl haben, die Toilettentüren der anderen Kinder geschlossen bleiben und es auch keine gemeinsamen Toilettenzeiten gibt, gestaltet sich diese Herangehensweise aber in vielen Fällen als schwierig und für alle Beteiligten mühsam.

Schließlich ist die Zusammenarbeit mit den Eltern aus meiner Sicht eine Schlüsselfrage beim Thema Sauberkeitserziehung. Nicht immer gelingt die oft beschworene Erziehungspartnerschaft zwischen pädagogischer Fachkraft und Erziehungsberechtigten. In Einzelfällen habe ich beobachten können, dass die Sauberkeitserziehung von den Ü3-Erziehern und -Erzieherinnen an Therapeuten, Sonderpädagogen, Eltern und andere Erziehungspersonen abgegeben wurde.

Natürlich gibt es viele Kinder, die sich tatsächlich alle notwendigen Fähigkeiten bei anderen Kindern oder den eigenen Eltern abschauen. Viele Eltern behandeln die Themen Toilette, Händewaschen und Zähneputzen abends und am Wochenende zu Hause. Aber es gibt eben auch Kinder, die etwas mehr Unterstützung benötigen. Schließlich gibt es Eltern, die schlichtweg nicht die zeitlichen oder emotionalen Ressourcen haben, ihrem Kind zu Hause elementare Fertigkeiten beizubringen.

Vor- und Nachteile von aktiver und passiver Begleitung beim Trockenwerden

Als Folge der gängigen pädagogischen Praxis in vielen Kitas werden Kinder in den westlichen Bundesländern auffällig spät trocken. Immer wieder entwickeln Kinder mit vier oder viereinhalb Jahren eine plötzliche Abwehrhaltung gegenüber der Windel, weil sie von den anderen Kindern verspottet werden und von den Erzieherinnen nicht mehr wie ein „Baby“ behandelt werden wollen.

Ich frage mich, ob es pädagogisch gewollt sein kann, so lange mit einer aktiven und zugewandten Begleitung zur Windelfreiheit zu warten, bis die Kinder im Vorschulalter in eine für sie beschämende Situation kommen, an die sie sich vielleicht ihr Leben lang erinnern werden.

Ich frage mich, ob es pädagogisch gewollt sein kann, so lange mit einer aktiven und zugewandten Begleitung zur Windelfreiheit zu warten, bis die Kinder im Vorschulalter in eine für sie unangehme Situation kommen, an die sie sich vielleicht ihr Leben lang erinnern werden.

Regelmäßige gemeinsame Toilettengänge mit konkreten Tipps und Hinweisen durch die pädagogischen Fachkräfte sind für die Kinder sehr hilfreich. Mit großer Wahrscheinlichkeit minimiert oder verhindert das die oft beschämende Erfahrung einer immer wieder nassen Hose. Das bestätigt auch die Fachwelt:

Prophylaktische Toilettengänge – an die kindliche Physiologie angepasst – führen zu einer nachvollziehbaren Gliederung des Tagesablaufs und versprechen den größten Erfolg: nach dem Aufwachen, vor Verlassen der Wohnung oder Einrichtung, vor Spielaktivitäten, vor dem Zubettgehen und kurz nach den Hauptmahlzeiten, da durch die Magenfüllung eine Stuhlentleerung ausgelöst wird, die zumeist mit einer Blasenentleerung einhergeht.

In den Betreuungseinrichtungen ist es wichtig, dass es vor Außenaktivitäten oder Events nicht heißt: „Und vor dem Rausgehen, gehen alle noch einmal schnell zur Toilette“, denn dieses Chaos verwirrt und ängstigt die Kleinen und die „fast Trockenen“ finden nicht die nötige Ruhe zur bewussten Entleerung.

Haug-Schnabel, Gabriele (2011): Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitserziehung. Verfügbar
unter: https://www.kita-fachtexte.de/de/fachtexte-finden/physiologische-und-psychologische-aspekte-der-sauberkeitsentwicklung. Zugriff am 09.05.2019.

Auch haben Forscher entdeckt, dass die vollständige Blasenentleerung ohne Toilettentraining erst deutlich später eintritt, was Blasenentzündungen und Blasenentleerungsstörungen zur Folge haben kann. Zudem treten Verstopfungen häufiger auf, wenn sich keine Zeit für das große Geschäft genommen wird. Ich hoffe deshalb, dass in den nächsten Jahren ein Umdenken in den Krippen und Kindertagesstätten in den alten Bundesländern einsetzt.

Klicke hier, um mehr über die gesundheitlichen Vorteile einer aktiven Sauberkeitserziehung erfahren.

Übrigens: In Schweden findet dieses Umdenken bereits nach und nach statt. Die meisten Kinder dort besuchen Ganztageseinrichtungen. Diese warteten einfach darauf, dass die Kinder von allein trocken werden. Eine aktive Förderung der Trockenwerdens fand nicht statt. Zugleich stieg rasant das Durchschnittsalter, in dem die Kinder zuverlässig trocken sind.
Mittlerweile sind die gesundheitlichen Vorteile einer frühen und aktiven Sauberkeitserziehung in Schweden aber anerkannt und alle Eltern bekommen bei den frühkindlichen Vorsorge-Untersuchungen von ihrem Kinderarzt geraten, ihrem Kind noch vor dem ersten Geburtstag das Töpfchen zu zeigen. Vielleicht wäre das auch ein Modell für Deutschland?

Für Eltern, Tageseltern und Erzieherinnen

Im 5-seitigen Artikel „Ich brauche keine Windeln mehr! Die Sauberkeitsentwicklung Zweijähriger“ von Gabriele Haug-Schnabel sind alle wichtigen Punkte für Eltern, Tageseltern und die Kita zusammengefasst:

  • Welche Faktoren ermöglichen den Abschied von der Windel?
  • Welche körperliche Entwicklung findet statt?
  • Welche Stationen liegen auf dem Weg zur vollständigen Ausscheidungsautonomie?
  • Sind ab und an nasse Hosen normal?
  • Wie verläuft das Trockenwerden in anderen Kulturen?
  • Wie wichtig ist eine achtsame Begleitung in Pflegesituationen?
  • Wie kann man das Kind bei der Tagesmutter und in der Kindertagesstätte dazu animieren, aufs Töpfchen zu gehen, obwohl es z. B. gerade ins Spiel vertieft ist?
  • Warum ist es wichtig, die Selbstständigkeit des Kindes zu unterstützen und nicht einfach den Toilettengang etc. für das Kind zu erledigen?

Fachtext für die Kindertagesstätte

Im Kita-Fachtext „Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitsentwicklung“ von Gabriele Haug-Schnabel erhalten pädagogische Fachkräfte noch viele weitere Tipps, um das Trockenwerden kompetent zu unterstützen. Zum Beispiel:

  • Wie Bezugspersonen die Sauberkeitsentwicklung eines Kindes beeinflussen und welche Aufgaben sich daraus ergeben
  • Wie ein Kind nicht das Gefühl bekommt, dass es durch den Besuch der Toilette wertvolle Zeit der Nähe verliert, weil es nicht mehr gewickelt wird
  • Warum Eltern und Erzieherinnen unbedingt an einem Strang ziehen sollten

Hier kannst du das PDF herunterladen und für die Kindertagesstätte deines Kindes ausdrucken.

Teilzeit-Windelfrei für Spätstarter im Laufalter

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