17 Fragen an die Windelfrei-Expertin Lini Lindmayer – Geht es wirklich ganz ohne Windeln?

Windelfrei und Abhalten

Okay, du kannt es ruhig zu geben.

Du hast schon einiges über Stoffwindeln gehört (und benutzt sie jetzt vielleicht sogar). Und der Begriff “Windelfrei” ist dir bestimmt auch schon über den Weg gelaufen.

Und obwohl du das Thema ganz spannend und sinnvoll findest, benutzt du immer noch Windeln für dein Baby und liest meinen Blog 😀

Ja, so ging es mir auch. Ich hab Windelfrei in den ersten Wochen nach der Geburt ausprobiert, war aber eine Niete darin. Okay, seit mein Kleiner 18 Monate alt ist, benutzen wir keine Windeln mehr (außer wenige Ausnahmen). Aber doch glaube ich, dass es vielleicht auch schon eher ohne geklappt hätte.

Da in meinem Kopf noch so viele Fragen über Windelfrei offen geblieben sind, habe ich Lini Lindmayer (30) um ein Gespräch geben.

Lini ist Mutter von vier Kindern, die zwischen 1 und 10 Jahren alt sind, und lebt in Österreich. Sie hat das, was sie gerne macht, zu ihrem Beruf gemacht: Sie ist Autorin, Bloggerin, Tanzpädagogin, Doula, Familienbegleiterin und IBCLC-Stillberaterin in Ausbildung.

Zudem beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit der natürlichen Säuglingspflege, dem natürlichen Leben und Aufwachsen von Kindern, dem freien Lernen (Leben ohne Schule). Darüber hält sie Vorträge und Seminare und schreibt in ihrem Blog www.linilindmayer.com.

In diesem Gespräch erfährst du viel Über die Grundlagen der natürlichen Säuglingspflege. Im zweiten Teil, der bald folgt, dann über alle möglichen Windelfrei-Probleme 😉

1. Was verstehst du unter dem Begriff “natürliche Säuglingspflege” oder dem Wort “Windelfrei”?

Lini: „Windelfrei“ ist für mich vor allem eines: Kommunikation. Verstehen und Zuhören.

Das Da-sein für das Baby. Seine Bedürfnisse wahrnehmen und achtsam darauf reagieren. Aber auch das „frei sein von der Notwendigkeit auf irgendetwas” (in dem Fall der Windel).

Windelfrei – Die Kommunikation mit dem Baby ist für mich Teil eines größeren Ganzen: Dem bedürfnisorientierten Umgang mit dem Baby/Kind und dem respektvollen, achtsamen Umgang miteinander.

2. Wie bist du zu Windelfrei gekommen?

Lini: Meine erste Begegnung mit dem Begriff bzw. der Tatsache, dass die Mehrheit der Babys rund um den Globus ohne Windel aufwächst, fand in meiner Kindheit statt. Als kleines Mädchen habe ich von einer Bekannten davon gehört. Ich konnte mir zwar nichts darunter vorstellen, aber es faszinierte und interessierte mich.

Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, wusste aber, dass ich es sicherlich mal ausprobieren würde.

Gelesen habe ich nichts darüber. Damals bei meiner ersten Tochter gab es nur wenig, was man dazu hätte lesen können und wir waren uns sicher es einfach mal dem Gefühl nach ausprobieren zu wollen. Foren und dergleichen gab es damals nicht.

Mein Mann und ich waren in vielen Ländern Europas, vor allem Portugal und Spanien sowie in Südamerika (Brasilien), Sinai und Sri Lanka.

Babys ohne Windeln findest du fast überall auf der Welt. Sie werden aber zusehends von der Industrie „verdrängt“. Zu wickeln wird als Statussymbol für Wohlstand dargestellt.

Unsere Einstellung war von Beginn an, dass wir nichts dafür benötigen. Schließlich haben wir es oft genug in anderen Ländern (wo wir uns viel aufgehalten haben) beobachten können.

Also gab es auch keine speziellen Besorgungen fürs Baby. Zudem haben wir in einem Bus gelebt, all unser Habe hat da hinein gepasst.

Mehr als ein paar Kleidungsstücke, ein Fell, ein Tragetuch und eine Plastikschüssel haben wir vor der Ankunft unseres Babys nicht bereitgestellt (und danach auch nicht gekauft). Einzig ein paar Gummibundhosen habe ich genäht.

3. Worin siehst du die Vorteile von “Windelfrei”?

Lini: Eben die oben erwähnte Freiheit. Nichts zu benötigen, einfach tun zu können.

Dem Bedürfnissen meines Babys nachkommen zu können, in jeglicher Hinsicht. Ihm wirklich nahe zu sein, es zu verstehen. Diese innige und tiefe Beziehung.

Und auch: Nachhaltigkeit wirklich zu leben.

Mein Baby muss mal? Also gebe ich ihm einfach die Möglichkeit dazu.

4. Wie kann man sich Windelfrei in den ersten Monaten vorstellen?

Julia: Hattet ihr Tücher, die ihr mal unter den Popo des Kindes gelegt habt? Gab es Zeiten, bei denen das Baby einfach neben dir auf dem Lammfell lag und du vielleicht nicht jedes Pipi abgefangen hast. Oder hattest du dein Kind komplett den ganzen Tag mit dem Tragetuch an deinen Körper gebunden?

Lini: In den ersten Tagen habe ich das Bett gerne mit einem Handtuch „geschützt“, auf dem das Baby dann in der Nacht  gelegen hat (sofern es nicht in direktem Körperkontakt bei mir war), damit das Bett trocken bleibt, falls was daneben gehen sollte.

Ein Bedürfnis bewusst ignoriert habe ich aber nie. Mir war immer wichtig darauf zu reagieren.

Das mit dem Tragen war ganz unterschiedlich und hat sich immer nach den Babys gerichtet. Bei uns waren sie immer: Manchmal neben uns auf ihrem Fell oder ihrer Decke, manchmal einfach im Arm und dann wieder im Tragetuch. Gerade die Jüngsten habe ich gerne am Rücken im Tragetuch – wenn ich den täglichen Arbeiten nachgehe und sie selbst noch nicht so mobil sind.

5. Und wann waren deine windelfreien Kinder trocken (also in etwa weniger als 2 nasse Hosen in der Woche)?

Lini: Der Trugschluss unserer Gesellschaft ist, zu glauben irgendetwas tun und das Kind irgendwohin bringen zu müssen.

Für mich sind Kinder von Beginn ihres Lebens an sauber und trocken (wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben). Denn sie können zeigen, dass sie ein dringendes Bedürfnis haben.

Es liegt an uns darauf einzugehen.

Um den ersten Geburtstag herum haben meine Kinder damit begonnen selbstständiger zu werden und immer häufiger selbstständig auf die Toilette zu gehen.

6. Geht, wenn man alles richtig macht, nie etwas daneben?

Julia: Das stimmt natürlich, man muss das ganze locker angehen. Aber es wäre wahrscheinlich für Neulinge trotzdem interessant zu wissen, wann sie sich getrauen können ohne Windel das Haus zu verlassen. In dem Sinne, dass sie jemanden besuchen können ohne die ständige Angst, dass ihr Baby den teuren Teppich oder das Designer-Sofa vollpieselt.

Lini: Es geht nicht darum es „richtig“ zu machen, sondern darum sich selbst zu vertrauen und es sich zuzutrauen.

Ja, Babys sind von Geburt an „trocken“ wenn ich ihnen die Möglichkeit dazu gebe. Und ich spreche hier nicht nur in der Theorie sondern auch aus eigener Erfahrung.

Trotzdem gibt es keine Garantie dafür, dass es nicht doch mal eine nasse Hose gibt. Kommunikation schließt einfach auch die Möglichkeit ein, sich einmal nicht zu verstehen.

7. Welches praktische Zubehör und welche Kleidung braucht man für Windelfrei?

Lini: Gar nichts.

Hilfreich ist Kleidung, die man leicht an- und ausziehen kann. Zweiteiler sind besser als Einteiler.

Als Auffangschüssel (Töpfchen) kann man in den ersten Wochen eine ausrangierte Rührschüssel verwenden oder das Sandspielküberl und als Bettunterlage ein paar alte Handtücher.

Alles Dinge, die man häufig so und so zu Hause hat.

Julia: Wir haben uns keine neue Babykleidung besorgt, sondern alles gebraucht von Verwandten bekommen. Das waren vor allem Bodys und Strampler. Das heißt man müsste sich Hemdchen, Shirts und Hosen mit Gummibund besorgen? Dazu noch ein Schafffell oder mehrere wasserdichte Baumwoll-Unterlagen, ein paar Handtücher, ein Gefäß.

Das ist ja auch alles nicht ohne. Gerade wenn man schon ein „normales“ Windel-Kind und „normale“ Kleidung daheim hat, muss man alles extra kaufen/besorgen. Kann es sein, das auch davor viele Eltern zurückschrecken?

Lini: Natürlich besorgt man Dinge, wenn man ein Baby hat. Aber das ist doch normal.

Dass man gar nichts besorgen müsste für die Ankunft eines Babys kommt ja auch bei Windeln nicht vor.

Es gibt aber nichts, was man für die Windelfreiheit unbedingt braucht – Man muss kein Spezialtöpfchen kaufen und keine Spezialhose o.ä.

Strampler und Overalls sind vielleicht unpraktisch, können aber ebenso verwendet werden.

8. Ich dachte man braucht Windeln, Trainer, Back-Ups und Windelfrei-Windeln für Windelfrei?

Lini: Was braucht man denn schon um einem Baby die Möglichkeit zu geben seinem Ausscheidungsbedürfnis nachkommen zu können?

Nichts.

Keine Sicherheitswindeln, keine Backups, …

Das sind Dinge, die das Misstrauen in sich selbst zum Ausdruck bringen.

Kommunikation geschieht ganz ohne materielle Dinge. Sie erleichtern den Eltern vielleicht (vermeintlich) den Alltag, tragen aber sicherlich nicht dazu bei, das Baby besser zu verstehen.

Allerdings finde ich es wichtig, dass hier jeder seinen Weg findet und geht. Entspannte Eltern und ein gewickeltes Kind sind allemal besser als gestresste Eltern und ein windelfreies Kind.

Aus meiner Beratungs-, Gruppen und Seminartätigkeit kann ich aber sagen, dass Eltern vor allem dann auf Windeln zurückgreifen, wenn sie glauben „es“ (das Baby verstehen) nicht zu können.

Ich habe bei unseren Kindern nie irgendwelche Backups, Windeln oder sonstige Utensilien die heute unter „Windelfrei-Sachen“ gehandelt werden verwendet. Zuerst gab es sie gar nicht und später erschienen sie mir schlicht und einfach unnötig.

9. Warum magst du “Windelfrei mit Windeln” nicht?

Lini: Es geht hier weniger ums „mögen“. Soll jeder machen, was er gerne machen möchte

Ich sehe es eher aus der anderen Perspektive und der langjährigen Erfahrung. Windelfrei mit Windeln macht die meisten Eltern unsicher. Und führt im Endeffekt dazu, dass sich auch das Baby nicht auskennt.

Es gibt da eine ganz simple Erklärung, warum das so ist.

Wenn ein Baby keine Windel an hat und mal muss, dann haben die Eltern nur eine Möglichkeit, wenn sie keine nasse Hose wollen: Das Baby abzuhalten.

Hat es aber eine Windel, ein Back-Up oder sonst was an, dann werden sie zögerlich.

Ihre Reaktion auf das Bedürfnis des Kindes ist nicht mehr zuverlässig vorhanden … Langfristig gesehen führt das dazu, dass es öfters mal daneben geht.

10. Sind Windeln “böse” oder “schlecht”?

Lini: Es geht nicht darum ein Dogma zu entwickeln und Windeln zu verteufeln, sondern schlicht und einfach darum darauf aufmerksam zu machen, dass Windeln eigentlich unnötig sind, wenn man auf das Ausscheidungsbedürfnis des Babys eingeht.

11. Was hast du unterwegs mitgenommen? Wie sah deine “Wickeltasche” aus?

Lini: Wickeltasche gab es bei uns nie. Mit hatte ich immer ein kleines Sackerl mit zwei oder drei Reservehosen.

Das hat in jede Tasche gepasst. Bei den ersten Kindern hatte ich nicht einmal ein Töpfchen mit, wenn wir unterwegs waren.

Julia: Und ihr selbst wurdet nie angepieselt? Oder habt ihr das ganz locker gesehen und einfach trocknen lassen?

Lini: Ab und an wurde vielleicht die Hose beim Abhalten ein wenig nass (ein paar Tröpfchen). Aber sonst nicht, nein.

12. Wie habt ihr die windelfreien Nächte gestaltet?

Stillen und abhalten oder abhalten und Stillen fielen in den ersten Wochen immer zusammen. Vor oder nach dem Stillen einfach übers Töpfchen halten (ist neben dem Bett gestanden) und dann einfach wieder weiterschlafen.

Julia: Und das Baby hat auf einem Schaffell geschlafen? Aber bei euch lief immer alles so gut, dass nur ganz selten etwas daneben ging?

Nachts ging es sehr, sehr selten daneben. Eher kam es vor, dass ich den Topf schief gehalten habe.

Aber unsere Kinder kannten es ja auch nicht anders: Wenn ich Nachts aufs Klo muss geb ich Bescheid und dann werd ich übers Töpfchen gehalten.

13. Wenn bei dir nasse Hosen so selten vorkamen, was ist dein Geheimrezept?

Lini: Ich glaube nicht, dass es ein Geheimrezept gibt.

Wichtig ist Spaß an der ganzen Sache zu haben, entspannt und gelassen zu sein und darauf zu Vertrauen, dass es schon klappen wird mit der Kommunikation.

Der Vorteil für mich war wahrscheinlich, dass ich zum einen in einer großen Familien aufgewachsen bin – den Alltag mit Kindern also von Kindesbeinen an kenne – und zum anderen von der Windelfreiheit schon lange vor meinem eigenen Muttersein erfahren habe und diese auch auf den vielen Reisen beobachten konnte.

Ich war also nicht ganz unbeholfen beim ersten Baby. Mit einem Baby zu sein war mir vertraut. Ich konnte mich also voll und ganz auf dieses „Neue“ konzentrieren, das ohne Windel sein. Das hat sicherlich geholfen.

Ach und ab und zu geht es halt daneben. Was ist schon dabei, die eine oder andere nasse Hose zu haben?

Eine nasse Hose ist ja nicht das Einzige, was einem mit Baby passieren kann! Man kann angespuckt werden von oben bis unten, angesabbert, wenn es Schnupfen hat dann muss man damit rechnen den Naseninhalt irgendwo am T-shirt zu haben, weil man so oft gar nicht wischen kann, wenn die Nase rinnt…

Ja und später dann, wenn das Baby älter wird und alles erforscht, zu essen beginnt …. Da findet man sich meiner Meinung nach wesentlich öfters in der Lage nicht zu wissen wo man mit der Reinigung beginnen soll 🙂

14. Für alle Körperflüssigkeiten gibt es “Back-Ups”, warum nicht auch für Windeln?

Julia: Ja, Babys machen unheimlich viel Schmutz und Dreck. Aber für’s Sabbern gibt es Halstücher, für Spucken gibt es Mulltücher auf die Schulter, für laufende Nasen ein gezücktes Taschentuch und fürs wilde Essen Ganzkörper-Lätzchen und einen abwaschbaren Hochstuhl. Damit die normale Kleidung trocken und sauber bleibt.

Viele Kinder dürfen ja auch lange, lange nicht alleine Essen und werden nur gefüttert, damit auch ja nichts daneben geht. Und die Eltern denken sich … Und für Pipi und Kacke gibt es Windeln. So einfach ist das.

Man versucht doch immer und überall das Chaos in Grenzen zu halten, deswegen tuen sich wahrscheinlich die meisten Eltern auch mit Windelfrei schwer. Es einfach laufen zu lassen, beziehungsweise der Gedanke daran, dass es laufen könnte, ist einfach so ungewohnt und schwierig!

Lini: Und irgendwann gibt es keine Windel mehr. Wie schon gesagt – ums Sauber werden bzw. die eine oder andere nasse Hose kommt man schlicht und einfach nicht herum.

Halstücher, Lätzchen und Stoffwindeln müssen genauso gewaschen werden.

15. Windel oder keine Windel, ist das nicht eigentlich egal?

Julia: Stellen wir uns eine Situation vor: Da ist ein Baby. Es spürt, dass es mal muss. Es quäkt ein bisschen. Das Baby hat ganz normal eine Windel an. Die Mama hat das Baby im Arm.

  1. Mama schukelt das quängelnde Baby ein bisschen hin und her, damit es sich entspannen kann. Einfach so, weil man das eben so mit kleinen Babys macht. (Die Pipi-Stellung, Schaukeln als Signal).
  2. Mama sagt “Alles gut, alles gut” oder “Shh, shh, shh”, auch weil man Babys eben einfach irgendetwas sagt (quasi der Signallaut).
  3. Die Windel bietet dem Baby genügend “Platz” zum pieseln. Ob da jetzt etwas ist oder nicht, ist ja eigentlich egal.
  4. Die Windel ist sozial als Ort zum pieseln anerkannt. Ds Baby muss sich also keine Sorgen machen, etwas „falsch“ zu machen (= in die Ecke des Zimmers pieseln ist sozial nicht anerkannt).
  5. Das Baby ist nicht beschnitten oder sonstiges, kann also ohne Schmerzen pieseln.

Erfüllt eine Windel dann nicht alle Bedürfnisse des Babys? Das Baby wird gehalten, es kann pieseln, die Windel saugt alles weg und fühlt sich dann gleich trocken an.

Das ist jetzt eher eine philosophische Frage: Windel oder keine Windel – Kommt das nicht auf’s selbe raus? Ist es nicht egal, ob eine Mutter in der Abhaltestellung ohne Windel oder auf dem Arm mit Windel hält? Ob eine Mutter sagt „psss, psss, du kannst pieseln“ oder „pschh, psch, beruhig dich“.
Ob ein Kind in die Windel pieselt, die sich trocken anfühlt oder in einen Behälter und dann wird die trockene Hose wieder raufgezogen? In wie fern geht eine Mutter, die ihrem Kind eine Windel anzieht weniger auf seine Bedürfnisse ein?

Lini: Angenommen du sagst etwas und dein Gegenüber gibt dir zwar eine Antwort – eine Antwort aber, die so gar nichts mit deiner Aussage zu tun hat.

Du sagst: “Ich habe Hunger und möchte ein Brot” und dein Gegenüber sagt: “Jaja, ist ja schon gut ich geb dir schon ein Buch in die Hand zum Anschauen.”

Wie würdest du dich fühlen?

Nein, es geht nicht um die Windel und auch nicht um eine Glaubensfrage, sondern um die Bedürfnisse des Kindes. Wie können wir ein Bedürfnis ignorieren, wenn wir darum wissen?

Julia: Wie kann „Pieseln“ ein Bedürfnis sein? Ich meine ist es nicht eher ein körperlicher Vorgang, so wie schwitzen? Es passiert halt: Unser Körper muss und möchte das machen. Ist das Bedürfnis dann nicht eher, in einer angenehmen Stellung pieseln zu können, beim Entspannen geholfen zu bekommen und im Trockenen zu liegen? Geht das nicht auch alles mit Windeln? Und ist der Klogang später nicht einfach ein soziales Phänomen: Alle gehen aufs Klo, ich möchte auch aufs Klo.

Lini: Die Blase füllt sich, der Darm füllt sich und es ist unangenehm – also müssen wir es loswerden – Ausscheiden ist ein Bedürfnis. Es ist nicht unbewusst, es geschieht nicht einfach so …

Wenn die Windel so angenehm und praktisch ist – Warum schnallen wir uns dann nicht eine Windel um? Wäre doch viel praktischer als ständig auf die Toilette laufen zu müssen?

Und warum schreien wir laut auf, wenn erwachsene, pflegebedürftige Menschen Windeln tragen müssen die nur ein oder maximal zweimal am Tag gewechselt werden?

Wo ist da der Unterschied?

Und nein, einfach aufs Klo gehen die Kleinen nicht irgendwann ganz von selbst. Ohne Zutun der Eltern geschieht das nie!

16. Sind Mulltücher, Moltontücher und wasserdichte Unterlagen jetzt angebracht oder nicht?

Lini: Was sollte dagegen sprechen? Ohne Mullwindeln hätte ich mein Mamasein wohl kaum durchgestanden 🙂

Ob Spucke oder Wasser oder klebrige Finder oder Muttermilch oder auch mal Lulu …. ich mag sie einfach.

Sie sind praktisch, leicht, sie trocknen schnell, saugen gut und man kann sie zur Not auch als Handtuchersatz verwenden (auf Reisen) wenn man das Handtuch vergessen hat (wie uns schon mal passiert ist).

17. Was sind deine wichtigsten Tipps für Windelfrei?

Julia: Wie sieht es mit Neugeborenen aus, wie mit krabbelndem Baby, wie mit laufendem Baby? In welchen Abständen pinkeln sie, welche Zeichen geben sie?

Lini: Mein wichtigster Tipp: Sich nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen über „Zeichen“ und „Signale“ und „Sicherheitsschichten“ und den „richtigen Topf“ und das „richtige Zubehör“.

Du hast mir hier vom Neugeborenen bis zum Kleinkind verschiedenen Punkte aufgeschrieben – etwa wie oft ein Baby macht – und ich musste ganz schön schmunzeln als ich sie gelesen habe.

Denn sie zeigen genau das westliche Problem mit der Windelfreiheit. Analytische Herangehensweise und der Versuch aus etwas schlau zu werden und Rückschlüsse ziehen zu können, was dafür viel zu individuell, flüchtig und verschieden ist.

Es ist eine Bauchsache. Jedes Baby ist individuell und scheidet auch individuell aus. Ich halte nicht viel von den „Babys machen so und so oft in dem und dem Alter“ Aussagen. Sie verwirren nur.

Und (so lustig es klingen mag) je weniger man denkt, desto besser ist es.

Die meisten angeblich so notwendigen Utensilien sind meiner Meinung nach unendlich kompliziert.

Wenn mein Baby muss und ich erst eine ganze Konstruktion an Backups abmontieren muss um es wo drüber halten zu können überlege ich auch zehnmal ob ich es überhaupt mache.

Wenn ich aber nur eine einfache Hose nach unten ziehen muss, …

Zusammenfassend: Warum sollte man natürliche Säuglingspflege betreiben?

Lini: Die einfachste Erklärung ist immer die logischste: Warum sollte ein Baby sein Ausscheidungsbedürfnis nicht wahrnehmen können und warum sollten wir dieses Bedürfnis dann drei Jahre lang ignorieren?

Das Baby muss und man ermöglicht ihm das -ebenso wie schlafen und essen und kuscheln und so weiter und so fort.

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Meine Frage an dich, liebe Leserin: Machst du Windelfrei?

Machst du Windelfrei oder trägt dein Kind Windeln und du hälst du es mehrmals am Tag ab oder Vollzeit-Windeln?

Wie hälst du von der Idee anstatt Stoffwindeln nur ab und an ein paar nasse Hosen zu waschen?

Hast du es schon ausprobiert und dann wieder verworfen?

Oder klappt es seit dem gut?

Hast du auch manchmal das Gefühl, dass dich das Back-Up eher vom Abhalten abhält 😉 , als dass es dich dabei unterstützt?

10 Kommentare zu „17 Fragen an die Windelfrei-Expertin Lini Lindmayer – Geht es wirklich ganz ohne Windeln?“

  1. Ich finde das sehr interessant und muss zustimmen!!
    Wir machen Teilzeit Windelfrei und Kaka geht zu 99% ins töpfchen! Pipi geht oft in die windel aber ab und zu ist die windel auch trocken. Wenn mein Baby keine Windel trägt, sondern nur eine hose/unterhose, dann klappt das sehr gut mit dem abhalten! Ich muss nur leider sagen das ich nicht immer die zeit habe so oft abzuhalten bzw pipi ist ja doch öfter und wenn ich jetzt im haushalt viel zu tun hab mach ich lieber eine windel rum.

    Werde es aber nach dem ich das hier gelesen habe morgen einen tag ohne windel versuchen !!

  2. Pingback: Mein Baby weint so viel - was mache ich falsch? - Entfaltungsblog

  3. Hallo!
    Ein sehr interessantes Interview! Es kommt sehr gut raus, dass es um die Kommunikation geht und ich habe höchsten Respekt vor allen, die es tatsächlich von Anfang an wirklich ohne Backups schaffen! Aber das ist genau der Punkt, der so viele davon abhält es auszuprobieren. Ganz ehrlich, am Anfang, wenn ein Neugeborenes gefühlt 50 Mal am Tag Pipi macht, weil es den ganzen Tag trinkt, dann schaffe ich es persönlich nicht, nicht von windelfrei gestresst zu werden. Ich persönlich habe “erst” mit meinem 4 Monate altem Sohn begonnen, allerdings nur, weil ich davor tatsächlich nichts darüber erfahren habe. Darauf gebracht hat mich dann meine neue Nachbarin. “Getraut” habe ich mich erst, als wir jeden Morgen zwischen 5 und 7Uhr unser Kind umziehen mussten, nachdem wir ihm “geholfen” hatten sein Geschäft zu verrichten. Und als das plötzlich so gut und vor allem schneller klappte, habe ich angefangen mehr darüber zu recherchieren. Besonders geholfen hat mir “Go Diaper Free” von Andrea Olson.
    Siehe da, plötzlich waren Stillprobleme gelöst, die wohl auch viele andere hatte, worauf aber die Foren-Hebammen nur die Antwort “Saugverwirrung” parat hatten oder unruhige Nächte und Einschlafprobleme… Er wurde insgesamt zufriedener. Heute ist er 8,5 Monate, wir verzichten größtenteils auf Backups, denn nun bin ich wieder bei Lini, sie stören uns inzwischen bei der Kommunikation. Ich sehe gleich, ob ich reagiert habe oder nicht; das ständige An- und Ausziehen der Windel fanden wir beide doof und ohne Windel gibt er auch deutlicher Bescheid. Vor allem aber in Phasen, wo wir uns weiterentwickeln geht an manchen Tagen fast alles daneben, dafür bin ich mir sicher, dass es danach wieder einfacher und besser wird. Es ist ein Prozess, bei dem man entspannt bleiben muss. Kreisen die Gedanken ständig nur darum, ob es mal muss, geht garantiert nichts und dann können ein paar Tage mit Windeln und Abhalten in Standardsituationen auch Wunder bewirken.
    Sich trauen, es zu probieren ist schwieriger als alles danach; die “Erfolge” spornen dann von selbst an, es immer weiter und immer freier zu gestalten. Deshalb werde ich in diesem Jahr auch noch eine Coach-Ausbildung starten, allerdings mit dem amerikanischen Programm Go Diaper Free, um mit “offiziellem Titel” ein paar mehr Eltern zu animieren, es wenigstens zu versuchen.
    Viele Grüße und gern weiter solche Beiträge!
    Daniela

  4. Ich finde die Klarheit von Linis Ausführungen sehr gut, wenn man es runterbricht auf das wesentliche ist es tatsächlich so einfach. Jede Mutter möchte doch sein Kind verstehen und Bedürfnisse erfüllen.
    Ich kommunizierte schon 2007 mit meinem großen Sohn auf ähnliche Weise. , ganz unbewusst und intuitiv. Ich sah das er muss, also Windel ab und los geht’s.
    Jetzt beim zweiten hat die Methode viele Bezeichnungen.
    Auch jetzt haben wir viel Freude damit. Auch sein entspannter freudiger Gesichtsausdruck ist ein Zeichen für uns das es für uns richtig ist.
    Unterwegs bin ich aber froh über die stoffies.
    Druck habe ich nie verspürt, mein ziel War ja nicht das er “sauber” wird ,sondern das er zufrieden ist.

    Liebe grüße Nadine

  5. Liebe Julia,
    ich bin ja u.a. auch Windelfrei-Coach nach http://www.babysohnewindeln.de und selbst Mutter von drei überwiegend teilzeitwindelfreien Kindern. Ich vertrete da einen etwas anderen Ansatz als Lini, genau wie meine Ausbilderinnen Julia Dibbern und Nicola Schmidt und die TopfFit-Autorin Laurie Boucke. Für mich ist Windelfrei in erster Linie Kommunikation. Da ist ein Bedürfnis (da bin ich ganz bei Lini) und ich sehe es, bin mit meinem Kind in Kommunikation darüber. Da kann ich aber auch sagen, wir fahren jetzt gleich lange Auto, ich ziehe Dir deshalb jetzt eine Windel an, ich kann auf der Autobahn nicht halten und Dich abhalten. In meinen Alltag mit jetzt drei ebenfalls freilernenden Kindern, viel unterwegs und selbst studierend und arbeitend paßt es so besser. Jede gesparte Windel ist eine gute Windel 😉 Wenn es für Familien so klappt und passt, wie Lini es beschreibt, dann ist das grossartig. Aber es sollte Eltern nicht unter Druck setzen. Windelfrei macht Spass 😉 Knackpunkt ist hier vielleicht auch die grosse Familie: je unterstützender das Umfeld, umso besser klappt alles, auch Windelfrei. Für mich ergänzen sich Stoffwindeln und Windelfrei ganz hervorragend, und das vermittle ich auch so in meinen Kursen und Beratungen.
    Lieben Gruß
    Lena

    1. Hallo Lena,

      danke für deine Anmerkungen. Hast du nicht auch mal Lust ein Interview für Windelwissen zu schreiben oder einen Gastbeitrag? Das wäre sicher total spannend. 🙂 🙂

      Was ich schon zu Anfang meiner Babyzeit verwirrend fand sind die Namen “123windelfrei” (was einen glaubend macht, dass es total einfach und chillig ist windel-frei zu werden) und “Babys ohne Windeln” (was einen glaubend macht, dass die Babys keine Windeln tragen??). Bei “Über” habe ich kurz meine Geschichte geschildert, auf jeden Fall war ich ziemlich gestresst von “Windelfrei”. Ich bin erst nach Monaten drauf gestoßen, dass die Kinder bei 123windelfrei und Babys ohne Windeln ja eigentlich doch Windeln tragen, auch wenn es ganz anders klingt 😀 😀
      Vielleicht hätte ich noch mehr lesen müssen?

      Liebe Grüße,
      Julia

      1. Liebe Julia,
        na klar, sehr gerne schreibe ich ein Interview oder einen Gastbeitrag!

        Ich finde “windelfrei” auch schwierig als Namen, das zutreffendere “Elimination Communication” ist spätestens im Deutschen als “Ausscheidungskommunikation” aber auch kein wirklich knackiger Begriff.

        Meine persönliche Lernkurve über die drei Kinder und auch in den Beratungen war und ist auch immens – und vor allem zeigt sie, das Kinder sehr unterschiedlich sind. Meine große Tochter hat mir windelfrei quasi gezeigt – da kannte ich den Begriff noch gar nicht, das 123windelfrei-blog gab es auch noch nicht (das war 2007). Später stieß ich auf Ingrid Bauers Buch, das passte aber auch nicht wirklich für uns – denn Kind 2 war wieder ganz anders.
        Wir sind ja auch kita-/kigafrei wie Lini, allerdings sind hierzulande die Voraussetzungen ja wieder andere als in Österreich, daher die weiten Strecken dann wiederum für freie Schule. Als wir dann monatelang im Wohnmobil unterwegs waren, sah die Sache bei Kind 3 auch wieder anders aus, und jetzt waren wir aktuell gerade in Portugal mit bzw. bei anderen Familien, da ist es sehr einfach.
        Insofern kommt es immer auf ganz viele Rahmenbedingungen und natürlich das Baby selbst an.
        Es ist wunderschön, wenn man tatsächlich keine Windeln braucht und das funktioniert auch – es kommt halt auf verschiedene Dinge rundum an. Grundsätzlich soll windelfrei vor allem eins sein, und das ist Kommunikation, und zwar darf das einfach sein und nicht gezwungen. Und es darf Spaß machen 🙂
        Letztlich ist jede gesparte Windel eine gute Windel; ich finde und fände es schade, wenn sich Menschen von wf abhalten (haha), weil sie nicht jedes Pipi erwischen.
        Lieben Gruß
        Lena

  6. Hey Julia,

    danke für das interessante Interview.

    Hm.
    Ich finde es total schön, wenn jemand wie Lini (und andere) so in einem Leben mit Windelfrei aufgehen, dass man beim lesen glauben möchte, dass die einzige Zutat das Vertrauen in sich, das Kind und die Kommunikation ist und schon klappt es.

    Andererseits sind nicht alle Länder in denen windelfrei praktiziert wird jetzt durchweg bekannt für ihren bedürfnisorientierten, kommunikationsorientierten Erziehungsstil.

    Nachdem man windelfrei über längere Zeit in mehreren Familien praktisch erleben durfte, mag es einfacher sein die Kommunikation über die Ausscheidung herzustellen. Auch gibt es sicherlich überaus intuitive Menschen, die nichts von dem brauchen.

    Bei uns war das nicht so.

    Das Abhalten hat zu Beginn recht gut geklappt, dann eine Weile mal mehr und mal weniger, bis wir über die Dauer von mehr als einem halben Jahr eine ausgeprägte Ablehnung des Abhaltens (selbst im Schlaf) erlebt haben. Es mag sein, dass die Umstände nicht windel-frei-ideal waren … aber hey … was ist schon ideal?

    Keine Backups zu verwenden hätte für uns nicht bedeutet ab und an eine Hose zu waschen, sondern viele Male am Tag ein Kind komplett neu einkleiden zu müssen, denn bei der lange anhaltenden kriechenden Fortbewegung meines Sohnes kamen viiiiiiele kleine Pfützen.

    So ist es jetzt nach 1,5 Jahren so, dass wir wertvolle (Kommunikations-)Erfahrungen sammeln durften und windelfrei als echte Bereicherung für unsere Mutter-Kind-Beziehung sehen. Auf unsere Weise. Mit unseren Pausen. Mit reichlich Backups in jeglicher Form. Mit Pfützen, Unfällen, Kleidungswechseln und einer großen Lernkurve.

    Gsd gibt es ganz viel über das es sich sonst ebenfalls zu kommunizieren lohnt … und so ist die Ausscheidung immer noch EIN Kommunikationsschwerpunkt – aber nicht der Wichtigste.

    Es lohnt sich damit zu probieren – so wie es grade passt. Und wenn eine Gruppe zum Austausch in der Nähe ist kann ich das sehr empfehlen – ich hab IMMER sehr vom Austausch mit anderen WF-Mamas profitiert, weil die Lernkurve dabei wirklich unterstützt wird.

    Würde mich freuen bei dir häufiger zum Thema zu lesen 🙂
    ~Tabea

    1. Hallo Tabea,

      danke fürs Teilen deiner Erfahrungen. Ja, Windelfrei ist nicht ganz einfach 😉

      Ich war natürlich auch sehr überrascht, als ich davon gehört habe, dass Lini 0 (Null!!) Backups – Windeln – Trainer benutzt. Deswegen musste ich einfach mehr davon in einem Interview erfahren. Der zweite Teil des Interviews (nächste Woche) wird auch noch einmal spannend.

      Ich hoffe, dass natürlich noch viel mehr Stimmen zum Windelfrei-Thema dazu kommen. Auch anderer Art 🙂
      Stay tuned.

      Viele Grüße,
      Julia

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