Windelfrei-Standardsituationen und Töpfchangebote

„Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche.“

Janusz Korczak (1878–1942)

Babys sind keine kleinen Erwachsenen, sondern haben ganz eigene Wünsche und Bedürfnisse. Gleichzeitig sind in ihnen – wie der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak bereits wusste – wichtige Fähigkeiten bereits angelegt. Das gilt auch für die Kontrolle über Blase und Darm. Studien belegen, dass Babys bereits von Geburt an ihre Ausscheidung zu einem gewissen Grad kontrollieren und steuern können.

Wasser zu lassen, ist kein automatischer Reflex! Das zeigt sich z. B. daran, dass sie nur bei leichtem Schlaf oder wenn sie wach sind, urinieren (vgl. Yeung et al. 1995 und Wen Tong 1998). Und selbst wenn ihre Blase von außen zusammengedrückt und stimuliert wird, lassen sie keinen Urin ab (vgl. Gladh et al. 2000). Mehr über die Frage „Funktioniert Windelfrei wirklich?“ findest du im gleichnamigen Blogbeitrag.

Was bedeutet das für das Konzept Windelfrei? Babys profitieren nicht erst ab dem zweiten oder dritten Geburtstag von einem Töpfchentraining. Ihre Ausscheidungen finden von Geburt an in oft regelmäßigen Intervallen und typischen Situationen statt.

Windelfrei-Standardsituationen und Töpfchangebote

Wie du ihren individuellen Rhythmus mit und ohne Uhr erkennst, sowie Standardsituationen und Familienzeiten nutzen kannst, um sie zum richtigen Zeitpunkt abzuhalten oder das Töpfchen anzubieten, das erfährst du im folgenden Blogbeitrag:

Standardsituationen des Windelfrei-Konzeptes

Niemand kann mit absoluter Sicherheit vorhersagen, wann ein Baby sein kleines oder großes Geschäft erledigen muss. Allerdings gibt es bestimmte Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch ist – und zwar nach besonders spannenden oder interessanten Erlebnissen. Denn in diesen hat dein Kind seinen Ausscheidungsdrang in der Regel bereits über eine längere Zeit zurückgehalten. Diese sogenannten Standardsituationen, in denen Babys sehr häufig ausscheiden, eignen sich besonders dafür, abzuhalten oder das Töpfchen anzubieten.

Beispiele für Standardsituationen:

  • nach dem Schlafen
  • nach dem Tragen
  • nach dem Stillen
  • nach dem Baden
  • nachdem dein Baby irgendwo lag oder saß:
    • Babytrage
    • Hochstuhl
    • Autositz
    • Fahrradanhänger
    • Kinderwagen
  • nachdem ihr in einer neuen Situation angekommen seid:
    • Geschäft
    • Spielplatz
    • Zu Hause
    • Krabbelgruppe
    • Oma und Opa

Anmerkung: Im Folgenden spreche ich von „Töpfchen anbieten“, was das Abhalten über dem Waschbecken oder über einem Gefäß, aber auch die Benutzung der Toilette oder wie in vielen Naturvölkern üblich ein Loch im Boden einschließt.

Töpfchenangebot während des Windelwechsels

Viele Eltern legen den normale Windelwechsel auf eine der oben genannten Standardsituationen und bieten alle zwei bis drei Stunden das Töpfchen an, bevor sie eine neue Windel anziehen. Wenn du deinen Alltag und den deines Babys mit diesem Timing stressfrei gestalten kannst, spricht nichts gegen dieses Vorgehen.

Ein kleiner Windelfrei-Schritt nach dem anderen

Ich empfehle dir aber: Geh Windelfrei langsam an! Biete deinem Kind zunächst ein oder zwei Mal am Tag das Töpfchen an. Am besten funktioniert das zu einer Tageszeit, in der dein Baby in der Regel fröhlich und offen für Neues ist. Macht euch eine schöne Zeit! Auch wenn währenddessen nicht das kleine oder große Geschäft erledigt wird, bedeutet das keinen Misserfolg. Schon wenn dein Kind gut gelaunt zwei bis drei Minuten auf dem Töpfchen sitzt, seid ihr einen großen Schritt in Richtung Windelfreiheit gegangen.

Denn sobald dein Kind dein Schlüsselsignal kennengelernt hat und das Töpfchen akzeptiert, kannst du den Besuch während einer der klassischen und sicheren Standardsituationen anbieten:

  • Fast alle Babys urinieren morgens kurz nach dem Aufwachen. Darum fangen z. B. Naturvölker in genau dieser Situation mit dem Abhalten an und intensivieren erst Wochen später die Häufigkeit des Töpfchentrainings.
  • Auch nach einem Mittagsschlaf erledigen viele Babys nach einigen Minuten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihr kleines Geschäft.
  • Wenn dein Baby drückt oder das Gesicht verzieht und du so erkennst, dass es sein großes Geschäft macht (z. B. während des Essens), dann ist ebenfalls der perfekte Zeitpunkt gekommen, um aufs Töpfchen zu gehen.

Nachdem ein oder zwei dieser sicheren Standardsituationen für dein Baby und dich funktionieren, kannst du weitere Standardsituationen in euren Alltag aufnehmen.

Abhalten während des Stillens

Neugeborene und kleine Babys erledigen sehr oft nicht nach, sondern schon während des Stillens ihr großes Geschäft.

Eine einfache Möglichkeit, Stoffwindelwäsche einzusparen: Wenn du nach dem Wochenbett Kraft hast und motiviert bist, kannst du ein kleines Asia-Töpfchen zwischen deine Beine klemmen und dein Baby während des Stillens abhalten.

Stillst du lieber im Liegen, dann kannst du eine wasserdichte Unterlage verwenden und eine Mullwindel darauflegen. Sobald du merkst, dass dein Baby das kleine oder große Geschäft macht, ist es Zeit für dein Schlüsselsignal. Warum und wie helfen Schlüsselsignale bei dem Weg zur Windelfreiheit? Das erfährst du im Blogbeitrag „Windelfrei Schlüsselsignale: Kind gibt Bescheid, dass es mal muss“.

Töpfchenangebote während und nach dem Tragen

Kleine Babys halten ihr großes Geschäft meistens an, während sie im Arm oder Tuch getragen werden. Das lässt sich wahrscheinlich auf den Instinkt, seine Bezugspersonen nicht zu beschmutzen, oder auf die für das Ausscheiden nicht besonders bequeme Haltung zurückführen.

Beachte die Signale für den Ausscheidungsdrang deines Babys vor, während und nach dem Tragen:

  • Wenn dein Baby nicht in die Trage möchte, in der Trage unruhig wird, zappelt oder sich herauszulehnen versucht, kann das bedeuten, dass es bereits den Drang zum großen oder kleinen Geschäft verspürt. Natürlich kann dein Baby aber auch übermüdet oder einfach nur hungrig sein.
  • Wenn dein Baby lange Zeit getragen wurde oder sogar geschlafen hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es dringend mal muss. Darum empfiehlt es sich, dein nun waches Baby aus der Trage zu nehmen und ihm Gelegenheit zu geben, außerhalb sein Geschäft zu verrichten. So bleibt der Instinkt, seine Pflegepersonen nicht zu beschmutzen, auch länger erhalten.

In diesen Situationen kannst du versuchen, dein Baby abzuhalten oder ihm das Töpfchen anzubieten. Und was kannst du tun, wenn du dein Kind gerade nicht ausziehen kannst? Indem du es trotzdem in die Abhalteposition bringst und euer Schlüsselsignal gibst, stärkst du eure Routine und hilfst deinem Baby, trocken zu werden.

Standardsituation „Kleines Geschäft verpasst“

Wenn ihr jeden Tag sehr oft und regelmäßig aufs Töpfchen geht, dann erwartet dein Baby, sein Geschäft außerhalb der Windel erledigen zu können. Nicht immer gelingt das. Aber keine Panik!

Befinden sich nur ein paar Tropfen Urin in der Windel, ist das manchmal ein sogenanntes „Warnpipi“. Indem du nach einer nassen Windel grundsätzlich noch einmal das Töpfchen anbietest, kann dein Kind seine Blase vollständig entleeren. Dieses Angebot stärkt außerdem die Verknüpfung „Pipi gehört ins Töpfchen“.

Familienzeiten: das Töpfchen in den Familienalltag integrieren

Bei den Standardsituationen richtest du dich ganz nach dem natürlichen Rhythmus deines Babys. Aber was, wenn ihr z. B. länger unterwegs seid und sich nur schwer eine Toilette findet? Nachdem sich der Töpfchenbesuch eingespielt hat, kannst du das Töpfchen auch zu familienfreundlichen Zeiten anbieten.

Familiensituationen sind Zeiten, in denen es für die ganze Familie – Eltern, Geschwister, Baby – praktisch ist, noch einmal die Toilette aufzusuchen, weil danach der Toilettengang nicht oder nur schwer möglich ist:

  • vor dem Essen
  • bevor ihr das Haus verlasst
  • bevor du dein Baby irgendwo hineinsetzt:
    • Babytrage
    • Hochstuhl
    • Autositz
    • vor dem Baden
  • Wenn ein Familienmitglied auf die Toilette geht.

Den individuelle Rhythmus deines Kindes kennenlernen

Jedes Baby hat seinen eigenen, ganz persönlichen Rhythmus, nach dem es uriniert. Die zeitlichen Abstände können sich nicht nur vormittags und nachmittags stark unterscheiden, sie hängen von verschiedenen Faktoren ab:

  • von seiner Persönlichkeit: Für manche Babys sind das kleine und große Geschäft eine willkommene Ablenkung. Gerade wenn ihnen eher langweilig ist, scheiden sie oft aus.
  • von seinem Alter: Je älter dein Baby wird, desto stärker werden sein Beckenboden, seine Schließmuskeln und seine Blasenkontrolle. Das hat zur Folge, dass die Abstände zwischen den Toilettengängen größer werden.
  • von seiner Übung: Die Zeitspanne zwischen dem kleinen Geschäft hängt maßgeblich davon ab, ob die Blase vollständig entleert wird oder nicht. Viele Kinder, denen schon im ersten Lebensjahr das Töpfchen angeboten wird, können zwischen 9 und 15 Monaten ihre Blase vollständig entleeren, was längere Abstände zur Folge hat. Kinder, die das Töpfchen noch nicht kennen, zeigen erst zum Ende des dritten Lebensjahres eine vollständige Blasenentleerung.
  • von der Tageszeit: Viele Babys müssen morgens deutlich öfter Wasser lassen, nachmittags dagegen sind die Intervalle größer. Das gilt allerdings nicht für alle Babys.

Den Rhythmus deines Babys beobachten

Wann ist es Zeit zum Abhalten und wie können wir den individuellen Rhythmus unseres Kindes verinnerlichen? In unserem durchgetakteten Alltag vergessen wir oft, dass wir über eine innere Uhr verfügen. Statt – wie Naturvölker früher und teilweise heute noch – auf unsere Intuition zu hören und kleine Signale achtsam wahrzunehmen, richten wir uns vor allem nach dem Terminkalender. Da wir nicht von heute auf morgen zu unserer inneren Uhr zurückfinden, braucht es zunächst kleine Hilfsmittel. Gerade zu Beginn ist es deshalb hilfreich, beim Weg zur Windelfreiheit eine Uhr zu verwenden.

So kannst du herausfinden, wie groß die Abstände zwischen den kleinen Geschäften deines Babys sind:

  1. Ziehe deinem Kind normale Kleidung ohne wasserdichte Schicht an oder überprüfe regelmäßig, ob die Windel nass ist.
  2. Schaue ab und an auf die Uhr und mache dir bewusst, wie viel Zeit zwischen den nassen Hosen vergangen ist.
  3. Wichtig dabei ist, dass du keine absoluten Zeiten misst, sondern nur die jeweilige Zeitspanne. Entscheidende Fixpunkte, die die (innere) Uhr neu starten, sind das Stillen, das Essen und das Aufwachen.
  4. Wie viele Minuten vergehen, bis dein Kind das erste Mal sein kleines Geschäft erledigt?
  5. Und wie viel Zeit vergeht, bis es zum zweiten und dritten Mal uriniert?

Mehr über die Beobachtungszeit von Neugeborenen und kleinen Babys kannst du in diesem Blogbeitrag lesen.

Und jetzt? Dein kleines Intervall-Protokoll fungiert nur als Gedächtnisstütze. Nach einigen Tagen kannst du überprüfen, ob du dieses Hilfsmittel noch benötigst.

Deine Windelfrei-Intuition stärken

Wenn du schließlich mit dem Abhalten und Töpfchen anfängst, wird dir der Rhythmus deines Babys in Fleisch und Blut übergehen. Bald schon wirst du keine Uhr mehr brauchen, da dir dein Innerstes verrät: „Es ist mal wieder Zeit.“

Standardsituationen und familienfreundliche Töpfchenzeiten, aber auch die körperlichen Signale deines Babys können in deine Windelfrei-Intuition einfließen.

So „spricht“ deine Intuition zu dir:

  • Du musst plötzlich selbst auf die Toilette.
  • Du hast das Gefühl, dass ein kleines oder großes Geschäft ansteht, denkst dir aber: „Mein Baby kann doch nicht noch einmal müssen. Wir waren doch gerade.“
  • Wo dein Baby deinen Körper berührt, wird es plötzlich ganz, ganz warm.
  • Du hast das Gefühl, dass deine Kleidung Urin abbekommen hat, auch wenn sie ganz trocken ist.
  • Du riechst Urin, obwohl es dafür eigentlich keinen Anlass gibt.
  • Deine Schlüsselsignale streifen deine Gedanken.
  • Du stellst dir vor, wie dein Baby abgehalten wird oder auf dem Töpfchen sitzt.
  • Dein Bauch kribbelt.
  • Du träumst, dass dein Baby aufs Töpfchen muss, und wachst auf.

Alle gerade genannten Beispiele können Teil deiner Windelfrei-Intuition sein. Fühlst du dich von diesen Gedanken gestresst oder gibt es häufig einen „Fehlalarm“, können sie aber auch darauf hindeuten, dass die Themen Windelfrei und Töpfchen zu viel Raum in deinem Alltag einnehmen. Die Verwendung von Windeln oder Back-ups und auch wieder größere Pausen zwischen den Töpfchenangeboten können dir zu mehr Gelassenheit und deinem Kind zu mehr Windelfrei-Spaß verhelfen. 🙂

Sind feste Töpfchenzeiten kinderfreundlich?

Manchmal signalisieren Babys nicht (mehr), weil beispielsweise der Windelfrei-Einstieg später erfolgt ist oder weil sie gerade mit anderen wichtigen Entwicklungsschritten beschäftigt sind. Doch Windelfrei bedeutet, in zwei Richtungen zu kommunizieren:

  • Eltern können mithilfe von Standard- und Familiensituationen oder durch ihre Beobachtungen spüren, dass das Baby jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit sein Geschäft erledigt.
  • Sie können daraufhin das Töpfchen anbieten.
  • Der Ausscheidungsvorgang kann mit einem Schlüsselsignal verknüpft werden.
  • Viele Babys fangen nach einigen Wochen (wieder) deutlicher an zu signalisieren. Der Blick auf die Uhr wird dann für viele Familien immer unwichtiger.

Auf welcher Etappe zur Windelfreiheit ihr euch auch gerade befindet: Du und dein Baby profitiert beide davon, miteinander zu kommunizieren. Indem du das Verhalten deines Babys achtsam wahrnimmst und darauf reagierst, stärkst du sein Vertrauen zu dir und legst den Grundstein für eine liebevolle und respektvolle Beziehung. Die Signale deines Babys sind deshalb tolle Hilfsmittel zur Unterstützung seiner Ausscheidungsautonomie. Aber auch das Wissen um typische Standardsituationen, um Familienzeiten und schließlich um den ganz eigenen Rhythmus deines Kindes geben dir Auskunft über seine Bedürfnisse. Nimm dir Zeit, sie zu beobachten und zu beachten.

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