Windelfrei ♡ Hintergrundwissen, Alltagstipps, Anleitung

Eines vorweg: 99,9% aller europäischen Eltern machen Windelfrei und benutzten trotzdem (zumindest in den ersten Wochen und Monaten) Windelhöschen, Stoffwindeln, Wegwerfwindeln, Backups, Tücher und wasserdichte Unterlagen. Erst nach und nach gibt es Phasen nur mit Hose ohne Windel. In einigen Familien schon im ersten Lebensjahr, bei anderen erst später.

Also keine Angst: Windelfrei bedeutet nicht, dass dein Baby ständig nackt oder ohne Windel sein muss. Auch der Boden oder deine Kleidung werden nicht alle paar Minuten nass.

(Du brauchst Alltagstipps für Windelfrei mit Baby komplett ohne Windeln? Dann hier entlang.)

Im Gegenteil, wenn du dich mit dem Windelfrei-Konzept, dem Abhalten deines über ein geeignetes Gefäß und dem Thema Töpfchen auseinandersetzt, wird das deinem Baby und dir den Alltag erleichtern.

Windelfrei Baby abhalten über dem Asia Töpfchen

Das werde ich dir in diesem unfangreichen Blogbeitrag erklären:

Lass uns direkt starten. Ich zeige dir wie Windelfrei (mit Windel-Backup) mit einem Baby aussehen und funktionieren kann:

Knackige Windelfrei-Anleitungen

Dein Baby windelfrei abhalten

Wie funktioniert das windelfreie Abhalten eines kleinen Babys? In diesem Video zeige ich dir die wichtigsten Schritte.

Windelfrei Baby

Eine kurze Anleitung fürs windelfrei Abhalten:

  1. Mit Hilfe von Standardsituationen, dem Ausscheidungsrhythmus, deiner Intuition und den Signalen deines Babys, weißt du, dass es Zeit ist fürs Abhalten oder Töpfchen.
  2. Sage deinem Baby, dass jetzt Pipi-Zeit ist.
  3. Ziehe deinem Baby auf dem Weg dorthin die Hose aus.
  4. Knöpfe den Body an der Seite zu (links oder rechts neben dem Bauch), sodass er nicht im Weg ist.
  5. Überprüfe ob ein kleines oder großes Geschäft in der Stoffwindel ist.
  6. Lege die Windel ab.
  7. Bringe dein Baby in eine geeignete Abhalteposition (beliebt sind das Waschbecken, eine große Schüssel oder das Mini-Töpfchen).
  8. Sage dein verbales Schlüsselsignal (spezifischer Laute wie zum Beispiel pssssss). Dieses ist wichtig, dass dein Baby weiß, dass jetzt der richtige Ort und die richtige Zeit ist, um zu entspannen. Außerdem fangen einige Babys am Ende des ersten Lebensjahres an, selbst diesen Laut nachzuahmen.
  9. Warte geduldig ab, manchmal dauert es ein bisschen. Dein Baby wird dir zeigen, wann es genug hat, indem es sich durchstreckt.
  10. Helfe deinem Baby zu entspannen: Singe ein Lied, lasse den Wasserhahn laufen oder lasse wohlig warmes Wasser über dein Baby laufen.
  11. Probiere bei Bedarf eine andere Abhalteposition oder einen anderen Ort aus. Manche Babys machen immer erst genau beim dritten Ort oder Gefäß.
  12. Sage dein Schlüsselsignal sofort, wenn das kleine oder große Geschäft starten.
  13. Kommuniziere, was gerade geschehen ist:
    „Gerade ist Pipi im Waschbecken gelandet. Hast du das gehört?“
  14. Zeige deine Freunde und mache etwas lustiges. Windelfrei macht Spaß und ist cooler als die Windel. Das darf euer tägliches Motto sein. 😉
  15. Tupfe den Intimbereich trocken oder sauber. Bei einem großen Geschäft kannst du den Popo einfach unter dem Wasserhahn mit warmem Wasser abspülen und ihn danach abtrocknen.
  16. Lege ein frisches Tuch in die Stoffwindel-Überhose und wickel dein Baby.
  17. Knöpfe den Body zu und ziehe deinem Baby wieder die Hose an.
  18. Säubere das Töpfchen, die Schüssel oder das Waschbecken.

Windelfrei Signale beobachten

Wie kannst du bei Windelfrei Signale beobachten? In diesem Video zeige ich dir ein möglichen Beobachtungs-Setup.

Benötigte Zeit: 30 Minuten.

Hier ein Vorschlag, wie euer Windelfrei-Start einige Tage, Wochen oder Monate nach der Geburt aussehen kann.

  1. Nackedei-Beobachtungszeit

    Wähle ein Schlüsselsignal aus. Dieses sagst du immer, wenn du spürst, dass dein Baby gerade sein kleines oder großes Geschäft erledigt hat. Damit lernt dein Baby, wann der richtige Ort und die richtige Zeit gekommen ist, um sich zu entspannen.
    Minimal: Nehme dir 30 Minuten am Tag Zeit, um dein Baby nackt strampelnd auf einer wasserdichten Unterlage zu beobachten.
    Komplett ohne Windeln: Ziehe deinem Baby normale Kleidung an. Den Body kannst du neben dem Bauch anstatt zwischen den Beinen zuknöpfen. Halte dein Baby immer nah bei dir, um zu spüren, wenn die Hose nass und warm wird und sage dann das Schlüsselsignal. Du kannst dein Baby auch auf eine wasserdichte Unterlage legen und nur deine Hand oder nur deinen Fuß an deinem Baby haben, um zu spüren, wenn das kleine oder große Geschäft kommen.Wickelunterlage Bambino Mio

  2. Gibt es einen Rhythmus?

    Vielleicht möchtest du dich nach einer Woche auf den Rhythmus deines Babys konzentrieren. Wenn du vermutest, dass dein Baby in gewissen Zeitintervallen sein kleines oder großes Geschäft erledigt, kannst du genauer auf die Uhr schauen. Wird die Hose alle 15 Minuten nass? Der Rhythmus deines Babys ist ein super Hilfsmittel um zu wissen, wann genau du dein Baby beobachten musst, um das Schlüsselsignal zu sagen. Später kannst du mit Hilfe des Rhythmus gute Abhaltezeiten auswählen.

  3. Merkst du Signale?

    Nach einiger Zeit bekommst du vielleicht ein Gefühl dafür, wann es langsam wieder soweit ist für das kleine oder große Geschäft. Bemerkst du irgendwelche windelfrei Signale, die dein Baby gibt? Raunzt es oder streckt es sich plötzlich durch? Bitte fokussiere dich nicht zu sehr darauf, da es dein Baby und dich stressen kann. Mit Hilfe deines Schlüsselsignals und später dem Abhalten, wird auch dein Baby stärkere Zeichen senden, dass es mal muss.

  4. Windelfrei-Zubehör Must-Haves

    Besorge dir eine große Schüssel und ein bequemes Abhalte-Töpfchen.
    Auch Babystulpen sind sehr praktisch.

  5. Das erste Mal abhalten

    In Standardsituationen wie direkt nach dem Aufwachen, Stillen oder Tragen, müssen Babys mit einer großen Wahrscheinlichkeit dringend Pipi machen. Das ist eine super Gelegenheit, das erste Mal das Abhalten auszuprobieren. Halte dein Baby beim Windelnwechseln über der Schüssel oder dem Abhalte-Töpfchen ab. Sage unbedingt dein Schlüsselsignal, während es sein kleines oder großes Geschäft erledigt. Eine Anleitung mit vielen weiteren Tipps findest du hier.

  6. Langsamer Abhalte-Start

    Meine Empfehlung ist, zunächst ein oder zwei sichere Abhaltezeiten pro Tag auszuwählen. Nach und nach kannst du dein Baby jeden Tag öfter abhalten. Meine Empfehlung ist, deinem Baby eine Windel oder ein anderes Backup anzuziehen, es aber jeden Tag 30 Minuten oder länger ohne Windel in einer Hose oder unten ohne zu lassen. Diese Zeiten können nach ein paar Monaten ausgedehnt werden.

  7. Abhalte-Begeistert?

    Wenn du dein Baby nicht nur beim normalen Windeln wechseln also fünf bis sechs Mal am Tag abhältst, sondern deutlich öfter, können euch ein Backup und praktische Kleidung helfen entspannt zu bleiben.

  8. Windelfrei im Sitzalter

    Gewöhne dein Baby an ein normales Töpfchen, später an einen Toilettensitzverkleinerer. Dein Kind lernt also das Töpfchen kennen und erfährt wie man es benutzen kann. Viele Eltern sprechen deswegen von „Topffit“, „Töpfchentraining“ oder „Töpfchenlernen“. Egal wie du es nennst, es unterstützt die Autonomiebestrebungen deines Kindes und ist Teil von eurem Weg zu Vollzeit-Windelfrei. 😉

Wie Windelfrei für Spätstarter aussehen kann, also für Babys, die schon krabbeln oder laufen können, kannst du hier erfahern:

Noch mehr Windelfrei-Tipps

Du möchtest direkt nach der Geburt mit deinem Neugeborenen mit Windelfrei starten? Hier haben wir viele Tipps gesammelt, um entspannt zu bleiben und Windelfrei nicht gleich zu verteufeln. 😀

Wichtig für die ersten Monate sind Windeln. Was, Windelfrei mit Windeln? Ja, auch bei naturnahen Stämmen, die von Geburt an abhalten, gibt es eine Lernkurve: Die Babys und ihre Betreuungspersonen kommen erst mit fünf bis sechs Monaten trocken durch den Tag und durch die Nacht. Am Anfang gibt es einige Pfützen und Flecken. Deswegen helfen euch Windeln entspannt zu bleiben. 🙂

Hier haben wir aber auch eine Menge Tipps gesammelt, falls du von Anfang an oder nach ein paar Wochen wirklich Windelfrei komplett ohne Windeln machen möchtest. Dann macht es Sinn externen Schutz wie Decken, Handtücher und wasserdichte Unterlagen zu benutzen.

Besonders wichtig ist natürlich dein Baby in einer bequemen und sicheren Situationen abzuhalten.

Windelfrei Hintergrundwissen

Können Babys von Geburt an ihre volle Blase und ihren vollen Darm spüren?

Die Zeit, in der Ärzte dachten, Neugeborene könnten keine Schmerzen empfinden, und sie ganz ohne Schmerzmittel und Narkose operiert haben, sind zum Glück vorbei.

Heute weiß man: Neben Hunger, Müdigkeit und Unwohlsein können Babys von Geburt an spüren, dass sie gerade gestreichelt werden, dass sie getragen werden oder dass sie Bauchschmerzen haben. Genauso bekommen sie auch eine volle Blase oder einen vollen Darm mit. Manche Babys teilen das auch lautstark mit!

Seien wir mal ehrlich: Eine volle Blase, gerade nach dem Schlafen, kann richtig zwicken. Auch ein voller Darm fühlt sich nicht gerade angenehm an. Wir gestehen Babys alle möglichen Empfindungen (Bauchweh, Genuss des Stillens und Nuckelns, Babymassage, Streicheln) zu, aber nehmen an, dass einzig und allein der untere Bauch und die Ausscheidungsorgane keine Nervenzellen abbekommen haben? Wirklich? 😉

Können windelfrei Babys von Geburt an ihre volle Blase und ihren vollen Darm spüren?

Ab wann können Kinder ihre Blasen und ihren Darm steuern: die Windelfrei-Perspektive

Folgende wissenschaftliche Belege zeigen, dass schon Babys das kleine und große Geschäft aktiv steuern können. Und dass bereits das Wasserlassen nicht nur als automatischer Reflex stattfindet, sondern bewusst gesteuert wird (vgl. Sillén 2001; Yeung et al. 1995):

  • Die Muskeln der Blasenwand sind stabil. Sie ziehen sich nur während des Wasserlassens zusammen (vgl. Yeung et al. 1995 und Wen Tong 1998).
  • Babys scheiden nicht während des NREM-Schlafes aus, sondern erst wenn sie aufwachen (vgl. Yeung et al. 1995 und Wen Tong 1998).
  • Die Blasen von Neugeborenen laufen nicht einfach so aus. Babys lassen auch dann keinen Urin ab, wenn ihre Blase von außen zusammengedrückt und stimuliert wird (vgl. Gladh et al. 2000).
  • In einer Vergleichsstudie wurde festgestellt, dass das Alter des Trockenwerdens vor allem von kulturellen und nicht von körperlichen Faktoren abhängt. Beispielsweise sind ost-afrikanische Babys bereits mit etwa 5 Monaten trocken (deVries und deVries 1977).

Diese vier Beispielstudien zeigen, dass Babys von Geburt an ihre Ausscheidungen steuern können, aber die sie selbst und ihre Pflegepersonen in den Monaten nach der Geburt noch einiges dazulernen müssen.

Babys kommen ohne Windeln auf die Welt 😉

Noch ein anderes Argument spricht dafür, dass Kinder ihre Körperfunktionen bereits im Säuglingsalter kontrollieren können und dass Windelfrei kein Humbug ist: Babys kommen ohne Windeln auf die Welt. Hunderttausende Jahre lang wurden Babys von ihren Müttern in den Armen getragen, ganz ohne Windel, Kinderwagen oder eine Wiege. Dass sie von Geburt an das kleine und große Geschäft an einem geeigneten Ort verrichten können (indem sie abgehalten oder zum Hinhocken angeleitet werden), bedeutet deshalb einen evolutionären Vorteil.

Denn wie sieht die Alternativ aus? Was wäre vor Tausenden von Jahren passiert, wenn das Baby die ersten 3 Jahre keinerlei Kontrolle über seine Ausscheidungen gehabt hätte und sich nicht hätte mitteilen können? Dann wären die Eltern komplett verschmutzt herumgelaufen und ihr intensiver Geruch hätte Insekten und gefährliche Raubtiere anlocken können. Der hygienische Nachteil hätte zu einem schnelleren Tod von Eltern und Kind geführt!

Auch tragen mangelnde Hygienebedingungen sicher nicht zu einer starken Eltern-Kind-Bindung bei. Wenn die Eltern jeden Tag 20 Mal das kleine und große Geschäft abbekommen, unterstützt das wohl kaum eine liebevolle Beziehung. Diese aber ist die Grundlage für das Überleben der Menschheit!

Das Wissen, dass schon neugeborene Babys ihre Blase und ihren Darm spüren und teilweise steuern können, ist also nicht nur wissenschaftlich gut belegt, sondern auch völlig logisch. Aber wie teilen sie dir mit, dass sie mal müssen?

Können Babys schon mitteilen, dass sie Harndrang haben oder das große Geschäft ansteht?

Sobald dein Baby zur Welt kommt, kann es schon eine ganze Reihe von Lauten, Gesichtsausdrücken und Körperbewegungen erzeugen, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Das Schreien ist wahrscheinlich das bekannteste und deutlichste Signal, mit dem dein Baby dir mitteilt, dass ihm etwas fehlt.

In den ersten Monaten ist Schreien völlig normal

Schreien gehört zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln des Säuglings. Dabei verläuft das Schreiverhalten in den ersten drei Lebensmonaten bei allen Säuglingen ähnlich. Wie häufig, ausdauernd und laut Babys schreien, ist jedoch von Kind zu Kind sehr unterschiedlich.

Auch wenn Ihr Baby in den ersten drei Lebenswochen wahrscheinlich noch relativ wenig schreit, kann sich das schnell ändern: In der Regel nimmt das Schreien in den ersten beiden Lebensmonaten zu und erreicht meist in der sechsten Lebenswoche seinen Höhepunkt. Denn Ihr Baby ist dabei, einen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein zu lernen, und das klappt nicht immer auf Anhieb.

Nach der sechsten Lebenswoche werden die Schreiperioden in der Regel kürzer, bis sie nach drei Monaten fast oder ganz verschwinden.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kindergesundheit-info.de, https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/0-12-monate/schreien/ , (Auszug) CC BY-NC-ND

Doch heutzutage weiß fast jede Mama, dass sie nicht auf das Schreien warten muss, bevor sie ihr Baby füttert (oder schlafen legt oder beruhigt). Denn Babys teilen ihre Bedürfnisse schon lange vorher mit leisen Signalen mit. Wenn dein Baby Hunger hat, wirst du zum Beispiel bemerken, dass es:

  1. die Brust sucht: Dein Baby bewegt sein Köpfchen hin und her und öffnet dabei leicht den Mund.
  2. saugt: Dein Baby steckt seine Fingerchen oder die Hand in den Mund und saugt daran. Alternativ streckt es die Zunge aus dem Mund und leckt an den Lippen.
  3. unruhig wird: Dein Baby zappelt mit Armen und Beinen und führt seine Hände wiederholt zum Mund.

Das Filmische Lexikon der Babysprache hat auf YouTube über 100 kurze Filme über die leisen und lauten Signale des Babys auf YouTube online gestellt. Erst wenn ihre leisen Signale nicht gehört werden, fangen Babys an zu meckern und zu weinen.

Doch auch dieses Weinen muss richtig gedeutet werden, um das jeweilige Bedürfnis der Babys zu erkennen. Priscilla Dunstan, die Gründerin von Dunstan Baby Language (DBL), hat sehr viele Babys beobachtet und auf dieser Basis 5 verschiedene Laute gefunden, die eine klare Nachricht senden:

  • „Neh“ – Hunger
  • „Owh“ – Müdigkeit
  • „Heh“ – Unwohlsein
  • „Eer“ – Pupsen/großes Geschäft
  • „Eh“ – Rülpsen

Wie sich diese Laute anhören und wie sie zustande kommen, erklärt sie in der amerikanischen Sendung Oprah:

„Eer“ ist bei Neugeborenen und kleinen Babys ein deutliches Zeichen für Lüfte und das große Geschäft, die gerne den Körper verlassen wollen. Im Laufe der Zeit können sich die non-verbalen Signale deines Kindes verändern. Eine große Liste mit weiteren Anzeichen für das kleine und große Geschäft findest du in diesem Blogbeitrag.

Kultureller Blick auf Windelfrei mit Baby

Wer macht mit dem Baby Windelfrei ab Geburt?

Die meisten Kinder haben schon vor dem ersten Geburtstag alle körperlichen Voraussetzungen, um außerhalb der Windel ihr kleines und großes Geschäft zu verrichten. 

Windelfrei greift dieses Können sanft, liebevoll und kindgerecht auf. Denn bei Windelfrei geht es um die Kommunikation zwischen dir und deinem Baby:

Windelfrei ab Geburt komplett ohne Windeln?

Aber: Nur dort, wo es sehr warm ist und wo die Eltern sehr naturnah leben, sind die Babys von Geburt an fast 100% der Zeit nackt und ohne Windel. Wurde der richtige Zeitpunkt verpasst, sickert der Urin ganz schnell in den Boden ein oder verdunstet. In diesen indigenen Völkern leben auch die Eltern oft nackt oder wenig bekleidet. Sorgen über nasse oder verschmutzte Kleidung sind in diesem Falle überflüssig.

Eines dieser seltenen naturnahen Völker, die sich selbst und ihre Babys nackt lassen, sind die ostafrikanischen Digo. Die zwei Wissenschaftler M. W. deVries und M. R. deVries haben diesen Stamm viele Monate lang beobachtet. Die Digo fangen direkt in der ersten Lebenswochen mit der Sauberkeitserziehung ihrer kleinen Babys an, halten sie in geeignete Stellungen, sodass die Eltern selbst nicht nass werden und geben spezifische Laute (Schlüsselsignale).

Laut deVries und deVries sind alle Babys der Digo in einem Alter von 5 bis 6 Monaten tags und nachts trocken. Zunächst brauchen sie beim Toilettenbesuch natürlich noch Hilfe durch ihre Eltern, die sie an einem geeigneten Ort abhalten. Mit einem Jahr krabbeln und laufen diese Kinder dann selbstständig zu einem kleinen Erdloch, um sich darüber zu erleichtern.

Babys sind nicht von Geburt an trocken

Die Digo haben die besten Vorraussetzungen, ihr Baby windelfrei aufzuziehen:

  • Seit ihrer eigenen Kindheit können sie andere Eltern bei Windelfrei, Abhalten und dem Babyalltag beobachten.
  • Eine Digo Mutter hat ein großes Support-Netzwerk an Frauen hinter sich.
  • Es ist warm und das Baby hat keine störende Kleidung an.

Und trotzdem müssen die Mutter, andere Pflegepersonen und das Baby einige Monate Pfützen akzeptieren, das Abhalten üben und Neues lernen, bis sie trocken und sauber durch den Tag und durch die Nacht kommen.

Warum gibt es so viele nasse Pannen mit Neugeborenen und kleinen Babys?

  • Viele Neugeborene und kleine Babys machen sehr häufig Pipi: alle 10 is 15 Minuten können normal sein.
  • Für Neugeborene und kleine Babys sind Hunger/Essen und Müdigkeit/Schlaf so starke Gefühle/Bedürfnisse und benötigen so viel Zeit, dass die Babys selbst und ihre Pflegepersonen vollkommen davon vereinnahmt sind.
  • Neugeborene und kleine Babys müssen erst ausprobieren und lernen mit anderen Lauten als Weinen und Schreien zu kommunizieren.

Selbst mit besten Vorraussetzungen und erfahrenen Eltern wird es in den ersten Monaten nach dem Windeln weglassen einige Pfützen und Flecken geben. Eltern, die Windelfrei ausprobieren wollen, denken dann schnell, dass sie etwas falsch machen oder nicht für Windelfrei geeignet sind. Aber das stimmt nicht!

Europäische Eltern haben keine Erfahrung mit Windelfrei und dem Abhalten. Sie haben kein großes Windelfrei-Support-Netzwerk hinter sich. Und europäische Wohnungen haben keinen Lehmboden, in dem das kleine Geschäft einfach so versickert. Unter diesen Vorraussetzungen kann der Lernprozess sogar noch etwas länger als bei den Digo dauern und das ist auch gar nicht so schlimm. 🙂

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Am Anfang wird noch einiges daneben gehen

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, auch wenn dein Baby von Geburt an bereit für das Töpfchen ist. Dein Kind und du, ihr müsst gemeinsam viele kleine Teilschritte lernen, bevor dein Kind selbständig die Toilette benutzen kann. 😊

Wer macht Teilzeit Windelfrei?

Auch schon vor Jahrtausenden benutzten Eltern Windeln und windelähnliche Kleidung. Es sind Berichte von Urvölkern bekannt, die Leder und Felle wie eine Art wasserdichte Überhose und als Windeleinlage Moose und weiche Rinde benutzen.

In sehr warmen Gegenden wird nach wie vor einfach der Boden als Windel benutzt, ohne das Baby ständig abzuhalten. Heidi Keller beschreibt in ihrem Buch Kinderalltag – Kulturen der Kindhheit und ihre Bedeutung für Bindung, Bildung und Erziehung, dass Babys in Indien zwar oft keine Windeln anhaben, aber in Hängematten schlafen, durch die der Urin einfach durchläuft und dann im Boden versickert.

Möchtest du wirklich oft die Windeln weglassen, ist es deswegen sinnvoll, eure Wohnung mit wasserdichten Matten und saugenden Tüchern auszustatten. Mehr Tipps für Vollzeit ohne Windeln, findest du hier.

Windelfrei wann anfangen?

Ingrid Bauer schreibt in ihrem Klassiker „Es geht auch ohne Windeln“, dass viele traditionelle Gesellschaften meist in den ersten sechs Monaten mit den Schlüsselsignalen und dem Abhalten beginnen, „am häufigsten zwischen zwei Wochen und drei Monaten“ (Bauer 2001, S. 108). Wie die Liste unten zeigt, unterscheidet sich der Starttermin aber deutlich von Kultur zu Kultur.

Wann beginnen naturnahe Stämme und traditionelle Völker mit dem windelfrei abhalten?

  • Mütter in traditionellen Dörfern Westafrikas und die Inuit im Nordwesten Kanadas halten ihr Baby sofort nach der Geburt über einem Gefäß ab.
  • Im Stamm der Digo in Ostafrika beginnt man, wenn das Baby zwei bis drei Wochen alt ist.
  • Mütter aus dem indischen Bundesstaat Sikkim starten mit etwa einem Monat.
  • In Neuguinea, verschiedenen Regionen Afrikas und Japans wird mit der Sauberkeitserziehung begonnen, wenn das Baby etwa drei Monate alt ist.
  • Viele traditionelle Völker, wie z. B. das Volk der Konuri (Afrika) oder das Volk der Hualcan aus Peru, fangen an, wenn das Kind feste Nahrung zu sich nehmen, selbstständig sitzen oder krabbeln kann.
  • Andere Völker beginnen mit dem Abhalten gegen Ende des ersten Lebensjahres und richten sich dabei auch nach Jahreszeit und Klima (vgl. Bauer 2001, S. 116).

Windelfrei für europäische Eltern

99% aller europäischen Eltern machen Windelfrei mit Windeln

Bei der Methode Windelfrei, wie wir es hier in Europa machen, geht es nicht darum, jedes einzelne kleine und große Geschäft abzufangen. 99 % aller europäischen Eltern machen Windelfrei zunächst mit Windeln. Eltern, die von Geburt an bei ihrem Baby auf Windeln oder Windel-ähnliche Kleidung verzichten, stellen eine absolute Ausnahme dar.

Die 1%, die keine normalen Wegwerfwindeln oder Stoffwindeln benutzen, haben aber trotzdem Tücher (Mullwindeln, Flanelltücher), wasserdichte Unterlagen und Kleidung zur Hand, um Nässe und das große Geschäft aufzusuagen. Natürlich kann auch ein glatter Boden als Windel genutzt werden und ein verpasstes Geschäft mit einem Lappen weggewischt werden. 🙂

So stärkt Windelfrei das Wohlbefinden und die Eltern-Kind-Beziehung

Teilzeit-Windelfrei mit dem Abhalten und Einführen des Töpfchens haben viele Vorteile. Auch wenn es nicht den ganzen Tag passiert und auch wenn dein Baby Windeln trägt.

  • Kinder lieben das windelfreie Gefühl: Einige Babys spüren eine große Abneigung dagegen, ihr Geschäft in der Windel zu verrichten. Sie sind deutlich zufriedener, wenn sie es außerhalb erledigen können. Außerdem hat das Baby über viel längere Zeiträume eine trockene Windel, wodurch das Wohlbefinden steigt.
  • Durch das häufige Windelwechseln (Empfehlung: alle 1 bis 3 Stunden), den zeitweiligen Verzicht auf Windeln und weil das große Geschäft so selten in der Windel landet, schont Teilzeit-Windelfrei die weiche Babyhaut. Auch Windeldermatitis kann vermieden werden.
  • Im Sinne von Maria Montessoris Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun!” wird das Bedürfnis der Kinder nach Autonomie erfüllt: Sobald sich die Kindern an den Verzicht auf die Windel und das Abhalten oder Töpfchen gewöhnt haben, lieben sie es sehr, wie die „Großen” Unterwäsche zu tragen und die Mini-Toilette zu benutzen.
  • Eltern freuen sich, dass sie so viel Windelmüll sparen. Mithilfe von Windelfrei können viele Eltern die Stoffwindeln außerdem dünner befüllen und haben weniger Wäsche.
  • Die Kommunikation zwischen Eltern und Kind wird gestärkt, indem Eltern genau auf die Signale ihres Kindes achten und auf seine Bedürfnisse eingehen. Die Reise zur Windelfreiheit bedeutet Beziehungszeit!
  • Viele Kinder lernen das Töpfchen bei Teilzeit-Windelfrei so gut kennen, dass das selbstständige Benutzen des Töpfchens oder der Toilette und das vollständige Trockenwerden viel einfacher und schneller stattfinden.

Natürlich können Babys und ihre Eltern auch ohne Windelfrei eine enge Beziehung pflegen und harmonisch zusammenleben. Auch bietet Teilzeit-Windelfrei nicht das Patent auf ein 100 % glückliches, zufriedenes Baby mit 100 % glücklichen und entspannten Eltern. Aber es kann dazu beitragen! 🙂

Mehr über die Frage, ob das Abhalte schädlich ist und welche Vorteile Windelfrei hat, kannst du hier lesen.

Von Teilzeit-Windelfrei zu Vollzeit-Windelfrei

Manche Eltern beginnen mit dem Beobachten und den Schlüsselsignalen kurz nach der Geburt, manche halten sogar auch sofort ab. Mutige Eltern haben ihr Kind zuhause oft nur in normaler Kleidung oder legen eine Mullwindel zwischen die Beine. Unterwegs benutzten sie wasserdichte, waschbare Stoffwindeln.

Andere Eltern beginnen irgendwann im ersten Lebensjahr mit Abhalten und Töpfchen und lassen im zweiten Lebensjahr die Windeln weg. Andere Eltern setzen dann wieder Vollzeit auf Windeln und der Kindergarten kümmert sich nach dem dritten Geburtstag um das Trockenwerden.

Wie bei allen Entwicklungsschritten des Kindes gilt außerdem: Kinder und ihre Familien haben ihr eigenes Tempo. Hier findest du Tipps für Windelfrei für Spätstarter.

Kind auf dem Töpfchen

Teil 4: Philosophieren über den Windelfrei-Begriff

Windelfrei bedeutet meistens windelfrei abhalten

Wenn „Windelfrei“ gar nicht meint, dass Kinder ab ihrer Geburt ständig windelfrei sein müssen, was bedeutet er dann? Ein Blick auf die verschiedenen Begrifflichkeiten hilft dabei.

In Amerika wird zwar auch manchmal von „diaper free“ (Windel-frei) gesprochen, aber noch viel häufiger von „Elimination Communication“ (EC), also von „Ausscheidungskommunikation“. Auf Deutsch ist das aber leider ein sehr sperriger Begriff.

Andere Synonyme für die Methode Windelfrei sind:

  • infant potty training (Baby-Töpfchentraining bzw. Baby-Sauberkeitserziehung)
  • baby-led potty training (Baby-geleitetes Töpfchentraining bzw. Baby-geleitete Sauberkeitserziehung)
  • Topffit
  • natürliche Sauberkeitserziehung
  • Baby abhalten (über ein geeignetes Gefäß)

Entspanntes Teilzeit-Windelfrei oder Windelfrei mit Windeln ohne schlechtes Gewissen

Worte prägen unser Denken. Unser Denken verändert unser Verhalten. Mir ist wichtig, dass sich Eltern keine Vorwürfe machen, kein schlechtes Gewissen haben und entspannt handeln können. Da „Windelfrei“ missverständlich ist und sich Eltern davon unter Druck gesetzt fühlen können, komplett ohne Windeln auskommen zu müssen, spreche ich am liebsten von „Teilzeit-Windelfrei“!

Und das ist es ja auch, was die meisten Eltern machen: Ab und an wird die Windel weglassen. Erst, um die Signale des Babys besser zu verstehen, dann, um Schritt für Schritt das Baby an das Töpfchen zu gewöhen.

Babys, die von ihren Eltern mit den Teilzeit-Windelfrei-Prinzipien gepflegt werden, haben Mullwindeln, Windelfrei Backups, Abhalte Windeln, Stoffwindeln und Wegwerfwindeln zwischen den Beinen. Diese schützen den Boden, den Teppich, die Polstermöbel, das Bett und die Kleidung der Bezugspersonen, wenn ein kleines oder großes Geschäft verpasst wird. Viele Eltern wickeln ihr Kind ganz normal und bieten das Abhalten, das Töpfchen oder die Toilette bei jedem Windelwechsel an.

Hier findest du viele Tipps für Vollzeit-Windelfrei komplett ohne Windeln:

Warum Windelfrei mit Windeln trotzdem Windelfrei heißt

Warum sich trotzdem der Begriff „Windelfrei“ durchgesetzt hat, obwohl Volzeit oder nur unterwegs Windeln als Backup getragen werden, ist wohl seiner Offenheit zu verdanken. Beim Begriff schwingen mehrere Bedeutungen mit:

  • Windelfrei kann man als „im Geiste frei von Windeln“, „frei von der Abhängigkeit von Windeln“ oder „Ich bin so frei, ab und an etwas anderes als eine Windel zu benutzen“ verstehen.
  • Windelfrei kann auch heißen „windelfrei ausscheiden“, also dass das Baby einen anderen Ort als seine Windel kennt, um sein kleines oder großes Geschäft zu erledigen.
  • Windelfrei kann „frei von Wegwerfwindeln“ bedeuten. Stoffwindeln sind eine gute Alternative und bieten sowohl deinem Baby als auch dir deutlichere Rückmeldungen.

Ob man von „Windelfrei“, „Baby abhalten“, „natürlicher Sauberkeitserziehung“ oder von „Ausscheidungskommunikation“ spricht, sie alle basieren auf denselben Prinzipien:

  1. Das Wissen, das Babys von Geburt an ihre Ausscheidungen spüren und zumindest teilweise steuern können.
  2. Babys werden von ihren Eltern und anderen Betreuungspersonen sanft, altersgerecht, liebevoll und ohne Zwang dazu angeleitet, ihr Geschäft außerhalb der Windel zu verrichten. Genauso können auch Kleinkinder und ältere Kinder sanft und ohne Zwang darin begleitet werden, das Töpfchen oder die Toilette zu benutzen.
  3. Zwang, Gewalt, Schimpfen und schlechte Laune der Eltern oder Bezugspersonen sind bei der Begleitung hin zur Ausscheidungsautonomie tabu!


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