Funktioniert Windelfrei wirklich? Ist es zu früh?

Vor wenigen Jahrzehnten stand in den meisten Büchern, die die Entwicklung von Kindern behandeln, dass Kinder mit 18 Monaten trocken und sauber sein können. Diese Angabe wurde immer weiter und weiter erhöht. Manche Eltern, Erzieher und Ärzte werden dir mittlerweile sogar sagen, dass Kinder frühstens mit drei Jahren Blase und Darm spüren können.

In den USA und in Schweden hat das Motto „Die Kinder lernen das schon alleine“ dazu geführt, dass immer mehr vierjährige noch Windeln tragen. Schweden hat mittlerweile die Reißleine gezogen, da das späte Trockenwerden gesundheitliche Nachteile mit sich bringt. Alle Kinderärzte in Schweden empfehlen den Eltern noch vor dem ersten Geburtstag das Töpfchen einzuführen.

Im Blogbeitrag „Was ist Teilzeit-Windelfrei? – Frühe und gelassen Sauberkeitserziehung“ habe ich dir erklärt, was Windelfrei ist und was es nicht ist. Im folgenden Blogartikel möchte ich auf folgende Fragen genauer eingehen:

Können schon Babys ihre Blase und ihren Darm spüren?

Die Zeit, in der Ärzte dachten, Neugeborene könnten keine Schmerzen empfinden, und sie ganz ohne Schmerzmittel und Narkose operiert haben, sind zum Glück vorbei.

Heute weiß man: Neben Hunger, Müdigkeit und Unwohlsein können Babys von Geburt an spüren, dass sie gerade gestreichelt werden, dass sie getragen werden oder dass sie Bauchschmerzen haben. Genauso bekommen sie auch eine volle Blase oder einen vollen Darm mit. Manche Babys teilen das auch lautstark mit!

Seien wir mal ehrlich: Eine volle Blase, gerade nach dem Schlafen, kann richtig zwicken. Auch ein voller Darm fühlt sich nicht gerade angenehm an. Wir gestehen Babys alle möglichen Empfindungen (Bauchweh, Genuss des Stillens und Nuckelns, Babymassage, Streicheln) zu, aber nehmen an, dass einzig und allein der untere Bauch und die Ausscheidungsorgane keine Nervenzellen abbekommen haben? Wirklich? 😉

Haben schon Babys die Kontrolle über Blase und Darm?

Folgende Belege zeigen, dass schon Babys das kleine und große Geschäft teilweise aktiv steuern können. Und dass bereits das Wasserlassen nicht nur als automatischer Reflex stattfindet, sondern bewusst gesteuert wird (vgl. Sillén 2001; Yeung et al. 1995):

  • Die Muskeln der Blasenwand sind stabil. Sie ziehen sich nur während des Wasserlassens zusammen (vgl. Yeung et al. 1995 und Wen Tong 1998).
  • Babys scheiden nicht während des NREM-Schlafes aus, sondern erst wenn sie aufwachen (vgl. Yeung et al. 1995 und Wen Tong 1998).
  • Die Blasen von Neugeborenen laufen nicht einfach so aus. Babys lassen auch dann keinen Urin ab, wenn ihre Blase von außen zusammengedrückt und stimuliert wird (vgl. Gladh et al. 2000).
  • In einer Vergleichsstudie wurde festgestellt, dass das Alter des Trockenwerdens vor allem von kulturellen und nicht von körperlichen Faktoren abhängt. Beispielsweise sind ost-afrikanische Babys bereits mit etwa 5 Monaten trocken (deVries und deVries 1977).

Sind Windeln nicht das Normalste der Welt?

Noch ein anderes Argument spricht dafür, dass Kinder ihre Körperfunktionen bereits im Säuglingsalter kontrollieren können und dass Teilzeit-Windelfrei funktioniert. Babys kommen nicht mit Windeln auf die Welt. Hunderttausende Jahre lang wurden Babys von ihren Müttern in den Armen getragen, ganz ohne Windel, Kinderwagen oder eine Wiege. Dass sie von Geburt an das kleine und große Geschäft an einem geeigneten Ort verrichten können (indem sie abgehalten oder zum Hinhocken angeleitet werden), bedeutet deshalb einen evolutionären Vorteil.

Denn wie sieht die Alternativ aus? Was wäre vor Tausenden von Jahren passiert, wenn das Baby die ersten 3 Jahre keinerlei Kontrolle über seine Ausscheidungen gehabt hätte und sich nicht hätte mitteilen können? Dann wären die Eltern komplett verschmutzt herumgelaufen und ihr intensiver Geruch hätte Insekten und gefährliche Raubtiere anlocken können. Der hygienische Nachteil hätte zu einem schnellen Tod von Eltern und Kind geführt!

Auch tragen mangelnde Hygienebedingungen sicher nicht zu einer starken Eltern-Kind-Bindung bei. Wenn die Eltern jeden Tag 20 Mal das kleine und große Geschäft abbekommen, unterstützt das wohl kaum eine liebevolle Beziehung. Diese aber ist die Grundlage für das Überleben der Menschheit!

Das Wissen, dass schon neugeborene Babys ihre Blase und ihren Darm spüren und teilweise steuern können, ist nicht nur wissenschaftlich gut belegt, sondern auch völlig logisch. Aber wie teilen sie dir mit, dass sie mal müssen?

Können Babys schon mitteilen, dass sie Harndrang haben oder das große Geschäft ansteht?

Sobald dein Baby zur Welt kommt, kann es schon eine ganze Reihe von Lauten, Gesichtsausdrücken und Körperbewegungen erzeugen, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Das Schreien ist wahrscheinlich das bekannteste und deutlichste Signal, mit dem dein Baby dir mitteilt, dass ihm etwas fehlt.

In den ersten Monaten ist Schreien völlig normal

Schreien gehört zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln des Säuglings. Dabei verläuft das Schreiverhalten in den ersten drei Lebensmonaten bei allen Säuglingen ähnlich. Wie häufig, ausdauernd und laut Babys schreien, ist jedoch von Kind zu Kind sehr unterschiedlich.

Auch wenn Ihr Baby in den ersten drei Lebenswochen wahrscheinlich noch relativ wenig schreit, kann sich das schnell ändern: In der Regel nimmt das Schreien in den ersten beiden Lebensmonaten zu und erreicht meist in der sechsten Lebenswoche seinen Höhepunkt. Denn Ihr Baby ist dabei, einen Rhythmus zwischen Schlafen und Wachsein zu lernen, und das klappt nicht immer auf Anhieb.

Nach der sechsten Lebenswoche werden die Schreiperioden in der Regel kürzer, bis sie nach drei Monaten fast oder ganz verschwinden.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kindergesundheit-info.de, https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/0-12-monate/schreien/ , (Auszug) CC BY-NC-ND

Doch heutzutage weiß fast jede Mama, dass sie nicht auf das Schreien warten muss, bevor sie ihr Baby füttert (oder schlafen legt oder beruhigt). Denn Babys teilen ihre Bedürfnisse schon lange vorher mit leisen Signalen mit. Wenn dein Baby Hunger hat, wirst du zum Beispiel bemerken, dass es:

  1. die Brust sucht: Dein Baby bewegt sein Köpfchen hin und her und öffnet dabei leicht den Mund.
  2. saugt: Dein Baby steckt seine Fingerchen oder die Hand in den Mund und saugt daran. Alternativ streckt es die Zunge aus dem Mund und leckt an den Lippen.
  3. unruhig wird: Dein Baby zappelt mit Armen und Beinen und führt seine Hände wiederholt zum Mund.

Das Filmische Lexikon der Babysprache hat auf YouTube über 100 kurze Filme über die leisen und lauten Signale des Babys auf YouTube online gestellt. Erst wenn ihre leisen Signale nicht gehört werden, fangen Babys an zu meckern und zu weinen.

Doch auch dieses Weinen muss richtig gedeutet werden, um das jeweilige Bedürfnis der Babys zu erkennen. Priscilla Dunstan, die Gründerin von Dunstan Baby Language (DBL), hat sehr viele Babys beobachtet und auf dieser Basis 5 verschiedene Laute gefunden, die eine klare Nachricht senden:

  • „Neh“ – Hunger
  • „Owh“ – Müdigkeit
  • „Heh“ – Unwohlsein
  • „Eer“ – Pupsen/großes Geschäft
  • „Eh“ – Rülpsen

Wie sich diese Laute anhören und wie sie zustande kommen, erklärt sie in der amerikanischen Sendung Oprah:

„Eer“ ist bei Neugeborenen und kleinen Babys ein deutliches Zeichen für Lüfte und das große Geschäft, die gerne den Körper verlassen wollen. Im Laufe der Zeit können sich die non-verbalen Signale deines Kindes verändern. Eine große Liste mit weiteren Anzeichen für das kleine und große Geschäft findest du in diesem Blogbeitrag.

Fazit: Funktioniert Windelfrei wirklich?

Kinder können mehr, als ihnen zugetraut wird:

  • Sie können von Geburt an spüren, dass etwas in ihrem Bauch vor sich geht.
  • Sie können von Geburt an teilweise ihre Blase und ihren Darm steuern.
  • Sie können von Geburt an ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten mithilfe von leisen Signalen, mit Meckern, mit Weinen und mit Schreien mitteilen.

Die meisten Kinder haben schon vor dem ersten Geburtstag alle körperlichen Voraussetzungen, um außerhalb der Windel ihr kleines und großes Geschäft zu verrichten. Teilzeit-Windelfrei greift dieses Können sanft, liebevoll und kindgerecht auf.

Auch, wenn Teilzeit-Windelfrei funktioniert: Ist es wirklich sinnvoll? Hier findest du die kurzfristigen und langfristigen gesundheitlichen Vorteile dieses Konzeptes.

Aber denk dran: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, auch wenn dein Baby von Geburt an bereit ist. Dein Kind und du, ihr müsst gemeinsam viele kleine Teilschritte lernen, bevor dein Kind selbständig die Toilette benutzen kann. 😊

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